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Interpretation der Interpretation:

Rio Reiser: Over the rainbow (Am Piano II - 1999)




In dieser Interpretation von "Over The Rainbow" treffen zwei sich gegenseitig potenzierende Elemente aufeinander: Auf der einen Seite der Interpret, dessen musikalisches Schaffen ein großes Thema hatte und dessen Art zu singen und zu musizieren dies auch ausdrückte: Die verzehrende Sehnsucht nach einer besseren Welt. Auf der andere Seite ein Song, der seit 70 Jahren für genau dies steht: Irgendwo hinter dem Regenbogen gibt es ein Land, in dem Träume wahr werden.

Rio Reiser sang diese Song am 27.7.1986 als letzte Zugabe auf einem Festival gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf und schaffte es, all die Emotionen, die die Sehnsucht begleiten können, mit einer atemberaubenden Intensität in diesen Song hineinzulegen, was bei jedem Hörer, der dies nachempfinden kann, auch nach wiederholtem Hören immer wieder eine Gänsehaut erzeugt.




Der gesamte Song mit Text zur Übersicht:



1  Somewhere over the rainbow, way up high,
2  there's a land that I've heard of once in a lullaby.
3  Somewhere over the rainbow, skies are blue
4  and the dreams that you dare to dream really do come true.

5  Someday I wish upon a star
6  and wake up where the clouds are far
7  behind me.
8  The troubles melt like lemon drops
9  away across the chimney tops
10 that's were you find me.

11 Somewhere over the rainbow, way up high,
12 there's a land that I've heard of once in a lullaby.

   (Zwischenspiel)

13 Somewhere over the rainbow, way up high,
14 there's a land that I have heard of once in a lullaby.

   (gesprochen:)
15 Ich sag's nochmal auf deutsch:
16 Irgendwo hinter'm Regenbogen
17 gibt es ein Land, von dem ich gehört hab,
18 irgendwann mal in einem Wiegenlied.





  

  Interpretation:


1 Somewhere over the rainbow, way up high



Schon ganz am Anfang, in der ersten Hälfte des ersten Verses, gibt Rio Reiser die Richtung seiner Interpretation dieses Songs vor: Die aus Enttäuschung, Verzweiflung, aber auch Hoffnung entspringende, energiegeladene Sehnsucht. Auf der Silbe "over" hält er den Ton überlang aus, was sich schon beim "-where" ankündigt und im "rain-" seinen Nachklang hat (und dieses wiederum in "-bow"). Diese starke Verzögerung, die geschickt nicht auf dem "-where" als vermeintlichen Höhepunkt dieses die ganze Melodie durchziehenden Motivs (der Oktave nach oben mit anschließender kleinen Sekunde nach unten, die in der Folge zur großen Sexte und großen Sekunde und dann zur kleinen Sexte und großen Sekunde wird) gelegt wird, sondern auf den Ton, der schon die anschließende, bewegtere Tonfolge einleitet, hat einen besonderen Effekt: In genau dem Moment, in dem der Melodiebogen seinen Höhepunkt, auf dem kurz zu Verweilen eigentlich naheliegend wäre, schon wieder hinter sich gelassen hat und gerade mit dem fortschreitenden Teil begonnen wurde, wird durch dieses Hinhalten eine noch größere Spannung erzeugt - eine Spannung die zugleich feststeht (auf einem Ton verweilend) und in sich das Weitergehenwollen spürt, das für genau die Dauer des Aushaltens und der Verlängerung des Tons an ihm zerrt, um dann schließlich doch aufgelöst zu werden.

Das folgende "way up high" ist nun der durch die Melodie vorgegebene logische Ausklang des Vorherigen, wobei die gerade erzeugte Schwere dann wieder durch das das "high" am Ende dieses ersten Verses einen Gegenpol bekommt, weil es einerseits von der akustischen Intensität her sehr leicht ist, da nur gehaucht, andererseits aber dennoch ganz deutlich ein sehr aufgeladener Seufzer ist und so sofort wieder die Gleichzeitigkeit von Leiden und Sehnen vergegenwärtigt.



2 there's a land that I've heard of once in a lullaby



Im zweiten Vers - wohl nicht beabsichtigt - bricht seine Stimme und er singt sie mit einem 'Frosch im Hals' weiter. Er singt sie relativ gleichmäßig, mit nur einer Spannungspause nach "there's a", der sofort eine kleine Beschleunigung bei "that I've heard of" folgt, die wiederum mit einer winzigen Luftpause (durch Verkürzung der Tons auf "of") abgeschlossen wird und läßt den Vers mit einer kleinen Vorzeitigkeit ("in a lullaby") enden, worin schon eine Spur von Ungeduld aufblitzt.

Der 'Frosch im Hals' bringt dabei einen wunderbar gebrochenen Charakter mit hinein, eine gekippte Stimme, von der sich Rio aber nicht beirren läßt und trotzdem weitersingt. Das paßt zum Tenor des ganzen Songs: Es singt ein sich von der Faktizität nicht beeindruckenlassender Kämpfer, der an seinen Träumen und Hoffnungen auch dann noch (und dann erst recht) festhält, wenn es keine vernüftigen Gründe mehr für ihre Wirklichwerdung gibt. Zusätzlich steht diese gebrochene Stimme in schönem Kontrast zu dem sanften, fast schon zärtlichen und eher zurückhaltenden Singen dieses Verses - das natürlich wiederum in Kontrast zu der überbordenden Kraft des vorherigen (und gleich folgenden) Verses steht.



3 Somewhere over the rainbow, skies are blue



Jetzt, in der Wiederholung innerhalb der ersten Strophe, bricht sich die ganze eben in der Spannung noch gehaltene Energie Bahn. Rio Reiser schmettert los uns singt die mit aller Entschlossenheit beharrende, fast schon trotzige und vor allem fordernde Behauptung: Jawohl, da, irgendwo, hinter dem Regenbogen (gibt es dieses Land)! Die Phrasierung gleicht der im ersten Durchgang, ist aber viel schwächer und gerader in der Abfolge. Entsprechend dem "high" dort wird auch hier das "blue" gehaucht, erscheint aber aufgrund des schnelleren Tempos des gesamten Verses noch etwas unvermittelter. Zugleich kann das "over", das nun nicht mehr überlang ausgehalten wird, mit einem kleinen Seufzer am Tonansatz begonnen werden, was nur in diesem nach vorne treibendem Tempo musikalisch Sinnergibt.

Das leichte Hineinrutschen in den Anfangston bzw. das Suchen nach ihm (genauso wie beim ersten Mal ganz am Anfang des Songs), das oberflächlich betrachtet ein Nicht-Können zu sein scheint, kann auch als ein Suchen und Hineinschlittern interpretiert werden, das dann entsteht, wenn man etwas mit aller Entschlossenheit will, aber vor lauter herausbrechender Energie kurzzeitig über das Ziel hinausschießt, da man dabei nicht die Beherrschtheit haben und seine Kraft nicht so gekonnt dosieren kann, wie es für eine punktgenaue Landung notwendig wäre.

In der Mitte dieses Verses scheint Rio am Ende seiner Luft zu sein, hat aber gerade noch genug, um "rainbow" zu singen, wodurch unterschwellig ein Moment der intensiven Hingabe und des vollen Einsatzes transportiert wird, das sich aus der Kraft der Sehnsucht nährt.



4 and the dreams that you dare to dream really do come true



Nachdem das "and" noch gleichmäßig ausgehalten und sowohl von der Melodie wie auch vom Textsinn her einen beide Verse verbindenden Auftakt darstellt, wird, nach einer kurzen Verzögerung, das "the" sehr zart gesungen und schürt die Erwartung auf das dann folgende "dreams", das dadurch zusätzlich betont wird - zusätzlich zu der Betonung, die Rio hier durch ein recht flottes Singen dieses einsilbigen Wortes erreicht.

Eine ganz andere und bisher nicht verwendete Art der Betonung erfährt nun die Abfolge "that you dare to dream": Ihre Artikulation nähert sich mit ihrem proklamierendem Gestus stark an die gesprochener Wörter an. So wie man betont, wenn man glaubt, etwas sehr Wesentliches zu sagen zu haben oder wenn es einem wichtig ist, daß der andere genau das mitbekommt, was man zu sagen hat. Die anschließende kleine Pause unterstreicht diese Bedeutsamkeit noch, indem sie ihr Raum zum Verklingen gibt. Danach wird ganz folgerichtig das "really do come true" ohne viel Aufhebens in Funktion eines Ausklangs gesungen (und auch die Verzögerung vor "true" ist nur noch abgeschwächt und wird eher mit einem Charakter der Nebensächlichkeit verwendet), damit der Betonungsbogen über dem ganzen Vers nichtzerstört wird.



5 Someday I wish upon a star
6 and wake up where the clouds are far
7 behind me.



Nun geht es im B-Teil auf einmal flott und nach vorantreibend weiter. Auffällig ist die Phrasierung der an sich gleichmäßigen 4er-Achtelgruppen in 3er-Achtelgruppen mit Auftakt, wobei die letzte Achtel immer verkürzt wird und so eine kleine Pause zum Luftholen entsteht, die Rio auch deutlich hörbar, manchmal leicht hechelnd, dazu nutzt. Durch beides entsteht nun der Eindruck einer Kurzatmigkeit, die eine gewisse Aufregung und Erregtheit transportiert. Es ist die sich in die Sehnsucht mischende begeisterte Erregtheit der zunehmenden Zuversicht, daß das, wonach man sich sehnt, doch wahr werden könnte.

Zugleich wird so eine über zwei Verse gehende Steigerung hin zum "behind me", die durch die Harmonien schon angelegt ist, noch verstärkt. Auch wenn dieses "behind me" wohl kaum dramatischer zu singen ist, stellt es nur den vorläufigen Höhepunkt dar und seine Intensität wird sofort wieder zurückgenommen, wodurch die Erwartung auf den in der gleich folgenden Wiederholung dieser Figur geschehenden zweiten Anlauf zum tatsächlichen Höhepunkt dieses B-Teils (wenn nicht des ganzen Songs überhaupt) erst richtig geschürt wird. Dieses Zurücknehmen erreicht Rio auch dadurch, daß er entgegen dem Original nicht auf dem gleichen Ton bleibt, sondern zum "me" eine Quarte hinuntergeht.



8 The troubles melt like lemon drops
9 away across the chimney tops
10 that's were you find me



Hier werden die ersten zwei Verse nun genauso phrasiert wie an der entsprechenden Stelle gerade eben, wobei der zweite schon (unterstützt durch die abweichende Harmonik) eine noch stärke Steigerung und Hinführung zum gleich erfolgenden Höhepunkt erfährt. Auch dieses Mal bleibt Rio nicht auf derselben Tonhöhe und geht stattdessen beim "you" wieder eine Quarte hinunter. Doch hat dies jetzt keinen zurücknehmenden Charakter mehr, sondern wirkt eher wie ein spannungsgeladenes In-die-Knie-gehen, um sich für den großen Sprung hinauf zum Höhepunkt dieses Teils richtig abstoßen zu können. Diese Stelle besitzt schon eine mit voller, bassiger Kehle gesungene Intensität, schlägt dann aber im Höhe- und Zielpunkt beim "find me" in ein die Stimme schonungslos bis zum Letzten Auspressen um. Dies gilt besonders für das "find", während das "me" wieder ein wenig zu dem kehligen Ausdruck zurückfindet und mit einem kleinen Abziehen der Stimme nach oben hin abgeschlossen wird.



11 Somewhere over the rainbow, way up high



Jetzt, in der Wiederholung des A-Teils, wird die Strophe zügig und ohne verzögernde Momente mit einem marschierenden und triumphiernden Gestus gleichmäßig durchgesungen. Ganz so, als sei man gestärkt, weil man durch harten Kampf der Wirklichkeit etwas abgerungenen hat, so daß nun das "Somewhere over the rainbow..." nichts Hoffendes mehr, sondern etwas stolz Feststellendes hat.



12 there's a land that I have heard of once in a lullaby



Gleichzeitig wird jedoch mit der nach unten gehenden Melodie auch die Intensität wieder zurückgefahren und stellt, mit einer kleinen Verzögerung auf "...heard of", über diesen ganzen Vers hinweg den gleichmäßigen Ausklang des Triumphierens dar.



13 Somewhere over the rainbow, way up high



Nach dem Zwischenspiel singt Rio Reiser die erste Strophe erneut und weitet die ursprünglichen Verzögerungen nun zu Pausen schwebender Spannung aus: Schon nach "...rainbow" folgt eine lange Pause, wodurch viel Raum zum Ausklingen gegeben wird, der dem gerade Gesungenen mehr Bedeutung verleiht. Das anschließende sehr langsame Singen von "way up high" schließt an dieses Ausklingen nur noch an.



14 there's a land that I have heard of once in a lullaby



Jetzt wird das Prinzip der Spannungspause bis ans äußerste getrieben: Nach dem "once" (bei dem Rio auf dem Klavier leider zuerst den falschen Akkord spielt) ist die Pause so lang, daß der Zusammenhang fast schon abbricht - aber eben nur fast, denn in genau dem Moment des gerade einsetzenwollenden Jubels des Publikums singt er hinein und leistet sich dann auch noch eine erneute, deutliche Verzögerung innerhalb von "lullaby". Diese extreme Pause drückt eine unglaubliche Zart- und Bescheidenheit aus, ein Leiserwerden, das als Ausklang des ganzen Stückes betrachtet werden kann, ein sich wieder Zurücknehmen nach der Extase des überschwenglichen Moments, in dem man sich kurz vor oder sogar in der Erfüllung der Sehnsüchte glaubte und ein Zurückkehren in den leisen, privaten Traum.


Anstatt der letzten Strophe "Somewhere over the rainbow, bluebirds fly / Birds fly over the rainbow, why then o why can't I?" spricht Rio die erste Strophe auf Deutsch, um die Aussage dieses Stückes, die ihm sehr wichtig zu sein scheint, noch einmal zu verdeutlichen.





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