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Vorläufige Ontologie
2012
Bilderrahmen, Glasscheibe, Post-It




"Vorläufige Ontologie" besteht aus einem Bilderrahmen, der statt eines Bildes nur eine Glasscheibe umrahmt und damit eine zweifache Funktion hat, die des Einrahmens und die eines Fensters. Durch das Einrahmen wird eine Auswahl vorgenommen – etwas wird eingerahmt und alles andere nicht – und das Eingerahmte wird hervorgehoben und betont. Üblicherweise umschließt ein Bilderrahmen ein Bild oder eine Abbildung, folglich verweist er hier darauf, daß das in ihm sichtbare (nur) eine Darstellung eines davon getrennten Wirklichen ist. In seiner Funktion als Fenster zeigt er das Dahinterliegende, auf das er einen (Durch-)Blick gestattet und markiert einerseits eine Verbindung und andererseits eine Trennung: Durch den Blick hindurch wird optisch eine Verbindung hergestellt, denn man erkennt, daß dort noch etwas ist und nicht nichts; zugleich trennt die Fensterscheibe, da sie den Zugriff darauf und den Austausch damit blockiert. Da diese Arbeit stets freischwebend aufgehängt installiert ist, wird potentiell alles, also die Welt, zu dem, was dahinter liegt und durch sie erblickt werden kann. Es geht also um die Darstellung (Einrahmung) der Welt und die Erkenntnis und gleichzeitige Trennung von ihr (Fenster).
Auf der Glasscheibe, dem exakten Ort dieser Trennung, klebt nun ein Post-It mit der Aufschrift: "Die Welt ist." Diese Worte stellen die denkbar minimalste ontologische Aussage dar; man könnte aber auch sagen, daß sie gar keine Aussage darstellen, den daß die Welt ist und nicht nicht ist, ist der Ausgangspunkt aller Ontologie und somit keine aus ihr erwachsende Erkenntnis. Das Post-It selbst symbolisiert die im Titel der Arbeit benannte Vorläufigkeit, denn Post-Its sind kleine Notizzettel, auf denen schnell mal etwas notiert wird, um es sich zu merken, und die nicht als dauerhaftes Medium gedacht sind.
Man kann diese Arbeit so lesen, daß alle ontologische Bemühung doch nur vorläufig bleibt, da sie nie zu dem, über das sie Aussagen machen will, vordringen kann, sondern ihre Aussagen stets auf der Ebene der Darstellung (innerhalb des Rahmens und auf der Glasscheibe) kleben bleiben müssen. Somit handelt es sich um die skulpturale Verkörperung eins alten erkenntnistheoretischen Problems mit dem Zusatz, daß die aus diesen Bemühungen sich ergebende Aussagen nicht nur vorläufig bleiben und bleiben müssen, sondern auch keinen Erkenntnisgewinn bringen. Aussagen über die Welt sind somit stets vorläufig und inhaltsleer.



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