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Popsonginterpretation:

My Brightest Diamond: I Have Never Loved Someone the Way I Love You
(All Things Will Unwind – 2011)




I have never loved someone the way I love you
I have never seen a smile like yours
And if you grow up to be king, or clown, or pauper
I will say you are my favorite one in town

I have never held a hand so soft and sacred
When I hear you laugh, I know heaven's key
And when I grow to be a poppy in the graveyard
I will send you all my love upon the breeze

And if the breeze won't blow your way, I will be the sun
And if the sun won't shine your way, I will be the rain
And if the rain won't wash away all your aches and pains
I will find some other way to tell you you're okay
You're okay
You're okay
You're okay
You're okay
You're okay
You're okay




Ein Song, der beim ersten Hören natürlich berührt. Was nicht nur an dem bedachtsamen und reduzierten Arrangement und dem zarten Gesang liegt, sondern auch daran, daß hier eine menschliche Ursehnsucht angesprochen und auf den ersten Blick sogar erfüllt wird: Die Sehnsucht danach, in der Welt nicht allein und nicht verloren zu sein und nach einer nie endenden elterlichen Fürsorge und Gegenwart.

Eine von ihrer sorgenden Liebe zu ihrem Kind selbst überwältigte Mutter (oder ein Vater) bedient hier diese Sehnsucht mit dem Versprechen, immer für das Kind da zu sein. Das ist an sich ein natürliches und urmenschliches Verhalten, da die Mutterliebe eine emotionale Grunderfahrung und Grundsicherheit bereitet, die beim Erwachen des Selbstbewußseins des Kindes und dem Verlust des empfundenen Einsseins mit der Welt an dessen Stelle tritt und die Trennung von der Welt in Form eines Behütetseins abmildert.

Dieses Versprechen erstreckt sich in dem Songtext nun aber auch über den eigenen Tod hinaus. Das scheint auf den ersten Blick ein wunderbares Versprechen und ein Ausdruck sehr intensiver, bedingungsloser (Mutter-)Liebe zu sein, doch tatsächlich ist es ein Ausdruck verzweifelter Hilflosigkeit und zugleich das implizite Eingeständnis des eigenen Scheiterns.

Zwar ist die Liebe bedingungslos, weil sie unabhängig davon zu sein verspricht, ob das Kind nun ein König, Clown oder Verarmter werden wird. Doch sie ist auch hilflos: Zu versprechen, daß die Mutter selbst wenn sie schon tot und das Kind erwachsen ist, noch einen Weg finden wird, zu sagen, daß es "ok ist", ist Ausdruck der Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts der Tatsache, es eines Tages eben nicht mehr tun zu können.

Sie verspricht es und mit diesem Versprechen wird zugleich das eigene Scheitern, bzw. das Scheiternwerden ihres Mutterseins eingestanden: Denn gelungen ist es nicht, wenn das Kind das Gefühl hat, daß die Mutter immer da ist und ihm in schmerzvollen Situationen direkt oder durch Naturgewalten vermittelt sagt, es sei ok. Das entspricht eher einer Überbehütung aufgrund der Unfähigkeit loszulassen, wodurch dem Kind durch das Rauben der Möglichkeit von Frustations-, Alleinseins- oder Verlorenheitserfahungen nicht nur die Selbständigkeit und Entwicklung der Fähigkeit, mit sich alleine zurecht zu kommen, genommen, sondern auch verhindert wird, daß sich das Kind auch ohne mütterliche Liebe geliebt fühlt.

Gelungen wäre das Muttersein, wenn es hieße: Du brauchst mich nicht mehr, meine Liebe hat dich so stark gemacht, daß du auf sie nicht mehr angewiesen bist, selbst wenn du sie dir wünscht.

Man kann den Songtext vielleicht als impulsiven Ausdruck eines Gefühls durchgehen lassen, doch auch als gedanklich und selbst nur metaphernmäßige Botschaft an das Kind offenbart es eine ziemlich unreife – und letztlich schädliche – Mutterliebe, die darüber hinaus kaum mehr als ein Ego-Trip ist. Eben weil sie nicht zum Gehenlassen, zum Loslassen in der Lage ist und zugleich ein Kind heranzieht, das abhängig bleibt.

So ist die vorgebliche Selbstlosigkeit am Ende doch nur Selbstsucht und zeugt von einem auf das Kind ausgedehnten Ich.



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