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Popsonginterpretation:

Funny van Dannen: In meinem Auto (Herzscheiße – 2003)




In meinem Auto ganz hinten fahren immer so Leute mit,
sie sitzen da und schauen nach vorn und meistens sind sie zu dritt.
Ich glaube es sind Idioten, sie summen vor sich hin
und wenn ich sie frage, was wollt ihr?, fragen sie mich, wer ich bin.

Der erste haucht die Scheiben an, da malt er Gesichter hinein
und er sagt zu jedem Gesicht: Ich laß dich jetzt allein.
Der zweite kennt alle Lieder, er pfeift jedes, das du verlangst,
und ich glaube, es macht ihm Freude, doch er meint, er hätte nur Angst.

Der dritte macht eigentlich garnichts, er murmelt nur immer: oh no!
Ich fühle mich wie ein Putenschnitzel in einem Streichelzoo.
Und manchmal fährt eine Frau mit, wir kannten uns einmal näher,
sie sagt, das Dasein ist ok, aber Wegsein ist okayer.

Und wenn ich angekommen bin, gibt's immer Riesenapplaus,
sie rufen: wieder kein Unfall!, doch sie steigen niemals aus.

In meinem Auto ganz hinten fahren immer so Leute mit,
sie sitzen da und schauen nach vorn und meistens sind sie zu dritt.
Ich glaube es sind Idioten, sie summen vor sich hin
und wenn ich sie frage, was wollt ihr? fragen sie mich, wer ich bin.



Ein wunderbarer Song, fast wie ein surrealistischer Traum, und wie so oft bei Funny van Dannen: Man weiß nicht genau, ist es ernst gemeint oder ironisch? (Aber das macht ja gerade den Reiz aus.)

Ein Zugang erschließt sich, wenn das "Auto" als Metapher für die Psyche/Seele genommen wird und entsprechend "ganz hinten" die vergrabensten Ecken dieser sind. Und "sie steigen niemals aus", denn was –auch wenn verneint –Teil der Seele ist, ist nicht ohne weiteres loszuwerden.

Was sich hier als Bodensatz der Psyche des Erzählers/Sängers offenbart ist das Manisch-depressive, Sinnentleere, Abgestumpfe, Verängstigte, verkörpert durch vier Personen: So kann der, der zu den Scheibengesichtern sagt, daß er sie allein läßt, seine eigene Angst genauso wenig bewältigen wie der, der Lieder summt. Der eine projiziert sie auf einen imaginären Anderen, der andere versucht sie mit fröhlichen Liedern zu bezwingen und scheitert. Und ein anderer, der sie nicht mehr bekämpft, sondern sich ihr ergeben hat und nur vor sich hin leidet ("oh no!").

Die Frau schließlich, die sagt, "das Dasein ist ok, aber Wegsein ist okayer" – was nicht nur ein blöder Wortwitz ist, sondern das im Wegsein-Wollen als Nicht-existieren-Wollen des Depressiven genau in wenige Worte faßt.

Und schließlich: Sobald man sich dieser versteckten, dunklen Seite annehmen und ans Tageslicht (ins Bewußtsein) holen will – auch um mit ihr umgehen zu können ‐, so entzieht sie sich sofort wieder, indem sie ihre Zugehörigkeit zu einem verneint: "und wenn ich sie frage, was wollt ihr? fragen sie mich, wer ich bin".



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