Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Popsonginterpretation:

Peter Alexander: Liebesträume (1968)




Liebesträume von dir sind schön
wenn sie mir in Erfüllung geh'n
Zärtlich wird die Hand sein, die dich streichelt
wird der Blick sein, der dir schmeichelt
und der Kuß, der dich verwöhnt

In meinen Liebesträumen gehör ich dir
tausend Schwüre, die schwör' ich dir
Leider sind die Träume nicht wahr
weil wir zwei noch kein Paar sind
doch meine

Liebesträume von dir sind kühn
Wünsche, die im Geheimen glüh'n
Einmal holt die Wahrheit sie ein
und dann werden die Träume
mein Leben sein

Liebesträume von dir sind schön
wenn sie mir in Erfüllung geh'n
Einmal holt die Wahrheit sie ein
und dann werden die Träume
mein Leben sein



Dies ist natürlich erstmal ein harmloser Schlager aus dem Nachkriegsdeutschland. Aber er ist nicht wie andere auch belanglos, denn sein Text enthält – von dem üblichen Schwulst mal abgesehen – eine Stelle, die ihn besonders macht:

"Einmal holt die Wahrheit sie ein, und dann werden die Träume mein Leben sein." Heißt das, die Liebesträume werden in Erfüllung gehen und sein Leben wird aus den verwirklichten Träumen bestehen? Oder heißt es, daß die Wirklichkeit die Träume in dem Sinne einholt, daß sie sie platzen läßt? (Das wäre ja die eigentliche Bedeutung der Redewendung "die Wahrheit holt ... ein") Aber was bedeutet dann "... werden die Träume mein Leben sein"? Es kann nur bedeuten, daß der Erzähler/Sänger in dem Moment, in dem die Wirklichkeit seine Träumereien als nicht der Wahrheit entsprechende Illusionen zu entlarven, siealso zu vernichten droht, er sich (trotzig) von Wahrheit und Wirklickeit abwendet und stattdessen die Träume zu seinem Leben macht, sich also in sie flüchtet. Und das, obwohl sie ja eigentlich geplatzt sind.

Er wählt statt der "Wahrheit" die "kühnen" Träume, die Träume, von denen er aber auch weiß, sie sind nur "schön, wenn sie mir in Erfüllung geh'n". Und genau dieser ihm bewußte Widerspruch, daß einerseits nur ein erfüllter Wunsch Sinn macht, daß ein Wunsch keinen Sinn mehr macht, wenn die Wahrheit seiner Unerfüllbarkeit offenbar wird und daß andererseits "die Träume nicht wahr" sind und irgendwann eingeholt werden, dieser Widerspruch wird anscheinend in Kauf genommen, um die Träume nicht zu verlieren. Denn Träume sind schöner als die Realität – und gleichzeitig sind sie nur schön, wenn sie "in Erfüllung geh'n", also wenn sie theoretisch in Erfüllung gehen könnten.

Aber genau das ist das Wesen des Traums: seine potentielle Erfülbarkeit, die auch nicht durch das sichere Wissen, daß er nicht erfüllt werden wird, vernichtet werden kann. Dieser Widerspruch macht den Traum der Wirklichkeit und gegebenenfalls auch Wahrheit haushoch überlegen.

Träumen im Bewußtsein seiner Sinnlosigkeit. Wenn das nicht Größe hat.



PS:
Das "noch" in der zweiten Strophe drückt die Hoffnung der Gegenwart gegenüber der Zukunft aus, und gleichzeitig ist die Zukunft – "einmal" -, wenn auch vom Zeitpunkt her unbestimmt, so doch sicher eine Enttäuschung der Hoffnung. Also: die Gleichzeitigkeit vonHoffnung und Wissen um Vergeblichkeit – darin drückt sich der Widerspruch auch aus.



[zurück]