Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Popsonginterpretation:

Michelle Shocked: Silent Ways (Captain Swing - 1989)




When you asked me,
"Michelle, do you love me?"
I didn't know what to say
So I just laid down beside you and
loved you in a silent way

And when you asked me to forgive you
For all your cheating days
I just laid down beside you and
Forgave you in a silent way

Silence is golden
Words are made of lead
And in the alchemy of love you know
Some things are better left unsaid

And when you told me you were leaving me
I did not ask you to stay
But my eyes told no lies and
My tears fell in a silent way

Silence is golden
Words are made of lead
And in the alchemy of love you know
Some things are better left unsaid



Wer kennt sie nicht, die Frage: "Liebst du mich?" und wer weiß nicht um ihr Krisenpotential. Das hat sie aber nicht, weil ihre Beantwortung - oder Nichtbeantwortung - offenbart, was Sache ist, sondern weil es auf sie nur eine erlaubte Antwort gibt. Der Gefragte kann nur "ja" sagen, er kann weder "nein" sagen noch schweigen, sofern er die Beziehung nicht stantepede beenden will.

"I didn't know what to say" - heißt das nun "nein"? Stimmt die Logik: "Wer nicht weiß, ob er jemanden liebt, der liebt ihn/sie nicht"?

So einfach ist es leider nicht. Und zu "I just laid down beside you and loved you in a silent way" wäre es verfehlt zu sagen: "Zu einfach gemacht, mit Taten kann man sich nicht vor Worten drücken!" Auch "... in the alchemy of love some things are better left unsaid" bedeutet keineswegs, daß es besser wäre, Dinge nicht auszusprechen, weil sie zerstören, weil herauskommt, daß der eine mehr empfindet als der andere.

Es ist eben die "Alchemie der Liebe", mit der man es zu tun hat. Alchemie als das Versuchen und Probieren ohne ein Wissen um die wirklichen Zusammenhänge, ein Operieren-Müssen mit einem hoffnungslos vereinfachten Erklärungssystem und getrieben von der praktisch aussichtslosen Hoffnung, die eine große Liebe, den Stein der Weisen, zu finden - so als gehe es darum, etwas zu finden, was schon vorhanden ist und nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Es ist Alchemie und eben nicht "die Chemie", die "stimmt" oder auch nicht stimmt. Liebe hat nichts mit passen oder nicht passen zu tun.

Die "some things", die "better unsaid" bleiben, sind eben nicht ein "nö, ich liebe dich nicht" und es ist eben nicht so, daß Schweigen ein Nein bedeutet. Schweigen bedeutet Demut vor der Liebe, Demut vor der eigenen Unwissenheit und Unkenntnis auch der eigenen Liebe gegenüber.

Es ist auch nicht verwunderlich, wie in der zweiten und dritten Strophe gesungen wird, daß der, der die besagte Frage stellt, auch der ist, der betrügt und leicht wieder Schluß macht, denn die, die am schnellsten von Liebe reden und die am schnellsten wissen wollen, ob der andere sie liebt, sind meist auch die, die in ihrer Liebe, oder dem, was sie dafür halten, eher unstet sind. (Wahrscheinlich aufgrund ihrer Unfähigkeit zu lieben.) Hingegen jene, die davor zurückschrecken das Wort Liebe zu gebrauchen, weil es für sie ein großes, vielleicht auch zu großes Wort ist, sind als dessen Partner die Gelackmeierten, weil sie, anstatt leichtfertig daherzureden, sich wirklich auf den anderen eingelassen haben.

Und welch eine Größe, "auf eine schweigende Art" zu vergeben und "auf eine schweigende Art" Tränen zu vergießen! Zu soetwas werden die Menschen nur durch Liebe fähig.

Trotzdem: wer nur ein den anderen ausnutzendes Arschloch ist, kann sich durch solche Einsichten natürlich nicht reinwaschen. Aber wer eben auf Worte angewiesen ist, um sich der Gefühle und Absichten des anderen sicher zu sein (und noch schlimmer: wer glaubt, sich des anderen sicher sein zu müssen), der hat Arschlöcher verdient.



[zurück]