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Popsonginterpretation:

Belle & Sebastian: Winter Wooskie (Legal Man – 2000)




Who's that girl?
She must be nearly freezing
Who's that girl out there?
All that snow makes it hard so see her
Did she wave to me?

Maybe I'm in love
Love love, love love
Maybe that's enough
That stuff, that stuff

Made a film
I made it through the window
But who's that star I cast?
All wrapped up in her winter wardrobe
She hurries by so fast

Maybe I'm in love
Love love, love love
Maybe that's enough
That stuff, that stuff

On summer days when the sun shines
I watch that tape
And through the snow, through the window
I watch her wave to me

Who's that girl?
She must be nearly freezing




Ein Lied, das eine träumende Sehnsucht beschreibt.

Er guckt im Winter aus dem Fenster und sieht sie da draußen vorbeieilen, weiß aber nicht, wer sie ist, er kennt sie nicht ("Who's that girl?") Durch den starken Schneefall hindurch ist sie nur schlecht zu erkennen, schemenhaft, wie in einem Traum. Wie in einem Traum nimmt er ein Geschehen wahr, das den Beigeschmack des Unwirklichen hat: Er guckt durch das Fenster, sitzt im Warmen und sieht ins Kalte, in die durch den vielen Schnee milchig erscheinende Außenwelt hinaus, in der es einem friert und man deshalb schnell vorbeihasten muß. Im Warmen sein und das Kalte sehen, ("she must be nearly freezing") sich vorstellen, aber nicht fühlen können, ist eine ähnliche Situation wie im Traum: Die Trennung und doch das gleichzeitige Miterleben. Dann winkt sie ihm zu – bzw. er glaubt gesehen zu haben, daß sie ihm zuwinkt. Einerseits ist es wie ein Moment der Wirklichkeit, der den unwirklichen Traum bricht – denn daß sie ihn bemerkt, die Traumgestalt den Träumenden wahrnimmt, spricht für die Wirklichkeit und gegen die Traumunwirklichkeit -, andererseits weiß er es aber nicht, ist sich nicht sicher und fragt sich selber, ob sie ihm zugewunken hat – auch das eine traumähliche Situation: Das sich nicht ganz sicher sein, ob es nun wirklich oder nicht wirklich ist.

Das Ganze ist ein schöner, ein sehnsuchtsvoller Traum, denn vielleicht hat er sich verliebt – vielleicht genügt der "stuff", das bloße Sehen und Angewunkenwerden, um sich zu verlieben.* Aber nur: vielleicht – ein hoffnungsvolles und zugleich zweifelndes Vielleicht – zweifelnd auch, weil er sich dieser unwirklich-traumhaften Situation, die Grund-lage dieses Verliebens ist, bewußt ist.

In dem Bestreben, das unwirklich Scheinende, den wenigen "stuff" (das Nur-Sehen) festzuhalten und es vielleicht auch durchs Festgehaltenhaben zu verstärken, hat er einen Film gemacht. Und wissend, daß das Verliebtsein verschwinden kann, wenn er sie nicht mehr sieht, eben weil das Sehen dessen ganze Grundlage ist, will er das, was er sieht, festhalten und filmt. So wie man, wenn man etwas Wunderschönes geträumt hat und kurz nach dem Aufwachen das Gefühl aus dem Traum noch in sich hat, es auch festhalten will, da man weiß, daß es Minute um Minute verblassen und schließlich verschwinden wird.

Er filmt durch das Fenster, das die traumartige Distanz noch einmal symbolisiert: Das Durchgucken- bzw. Durchfilmenkönnen, aber dennoch durch die Glasscheibe Getrenntsein. Und er erkennt dabei, daß er ja gar nicht weiß, wen er da filmt ("Who's that star I cast?"). Sie ist immernoch eine Unbekannte, die, eingehüllt in ihre Winterkleidung, vorbeihastet. Da ist zum einen der optische Kuscheleffekt: Sie kuschelt sich in die wärmende Kleidung ein und er beobachtet es und empathisiert, kann das Einkuscheln sich genau vorstellen und nach- bzw. mitfühlen und assoziiert das Beobachten dieses Einkuschelns mit dem möglichen Einkuscheln an ihm selber. Zum anderen zeigt das schnelle Vorbeihasten wiederum die Flüchtigkeit des ganzen Sie-Beobachtens (wie der nach dem Aufwachen verblassende Traum) und genau dieser Flüchtigkeit will er die Aufnahme von ihr als etwas Nicht-Flüchtiges entgegensetzen.

Ein halbes Jahr später im Sommer, wenn es warm ist, schaut er sich den Film dann an. Es ist eine Erinnerung an sie, aber nochmals distanziert durch den zeitlichen Abstand, durch den jahreszeitlichen Kontrast und durch die Realitätsdistanzierung der Aufzeichung selber, erscheint sie nun noch ferner, noch traumhafter, noch unwirklicher und somit das Sehnen noch verstärkender, weil unerreichbarer. Diese Distanzierung wird wiederum nur dadurch geborchen, daß sie ihm im Film zuwinkt, er sie dann tatsächlich ihn anwinken sieht und die Filmaufnahme wie zu einem Beweis der Wirklickeit des gefilmten Geschehens wird (aus "did she wave to me?" wird jetzt: "I watch her wave to me"). Aber dennoch ist dies ein Phyrrussieg, denn der Film selber ist ja nur ein Abbild der Wirklichkeit, er kann sie nur in dem Film angucken und nicht selber, real angucken, und so bleibt es bei der traumhaften Halbwirklichkeit bzw. der Gleichzeitigkeit von Wirlichkeit und Unwirklichkeit. Und genauso bleibt es nur ein Zuwinken aus weiter Ferne, aus der Vergangenheit, das ihn an sein Vielleicht-Verlieben im Winter erinnert. Und das Gefühl wiedererlebend fragt er sich: Wer ist das Mädchen? Sie muß fast frieren.





* Interessant, wie hier das kommunikative Moment als Voraussetzung des Verliebens durch das "did she wave to me?" gekonnt dargestellt wird. Voraussetzung in dem Sinne, daß ein Verlieben immer erst dann entstehen kann, wenn der sich Verliebende zumindest glaubt, daß seine Gefühle nicht nur einseitig sind – alles andere wäre im psychologischen Sinne eine Form der Nekrophilie.



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