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Peer-Review als Redundanzbegutachtung?

(2014)


Die erste Begutachtung, die ich innerhalb eines Peer-Review-Verfahrens für eine Zeitschrift vornahm, brachte eine, wenn auch nicht vollkommen überraschende, so jedoch unerwartete, Ernüchterung mit sich:

Da ich gerade etwas Zeit hatte, als mich die Anfrage, eine Einreichung zu "review-en", erreichte und sie nach kurzem Überfliegen mein Interesse geweckt hatte, willigte ich ein, las den von vier Autoren verfaßten, 17-seitigen Text durch und fand ihn erst einmal recht spannend. Darum wollte ich das, was da so alles beschrieben und behauptet wurde, noch besser verstehen und besorgte ich mir ein paar der früheren, von den zwei (Haupt-)Autoren verfaßten Artikel, auf die sie selbst im Text verwiesen. In ihnen fand ich dann jedoch nicht nur das, worauf dort aufgebaut wurde, sondern auch vieles von dem, was im Text selbst – ohne Verweis – dargelegt wurde. Nun gut, dachte mir, man kann ja nun nicht immer nur neue Sachen von sich geben und ein jeder hat so sein Spezialgebiet und Forschungsprogramm, an dem er jahrelang herumforscht und mit den Jahren immer weiter ausbaut.

Nach und nach besorgte ich mir dann alle früheren Aufsätze, die auf die Schnelle zu bekommen waren, und las sie durch. Mit jedem Aufsatz, den ich las, schrumpfte jedoch der Anteil dessen, was mir im eingereichten Text noch Neues zu sein schien, mehr und mehr zusammen. Am Ende blieb nur eine 3/4 Seite an Inhalt übrig, der nicht bereits woanders dargelegt worden war (und auf der lediglich die alten Überlegungen und Erkenntnisse der Autoren durch den Hinweis auf ähnliche Erkenntnisse bei anderen Autoren unterstrichen wurden).

Nun verhielt es sich nicht so, daß auf die inhaltlichen Wiederholungen durch Verweise auf die früheren Veröffentlichungen hingewiesen wurde, nein, jene waren nur bezüglich einiger Einzelaspekte angeführt worden. Für den Großteil des Inhalts entstand so der Eindruck, es handele sich um neue Erkenntnisse und Aussagen, die nur hier, in diesem Artikel ausge breitet worden waren. Und auch bezüglich dessen, was zumindest laut dem Titel das originäre Thema zu sein insinuiert wurde, gab es keinen Hinweis darauf, daß das schon lange mit der gleichen Begrifflichkeit und keineswegs irgendwie noch weniger ausgearbeitet – selbst dann hätte man eigentlich darauf hinweisen müssen – publiziert worden war.

Darüber hinaus entdeckte ich zufällig noch einen ganzen Absatz eines wortwörtlichen Selbstplagiats aus einem früheren Aufsatz, der in derselben Zeitschrift, für die auch dieser gedacht war, ein paar Jahre zuvor erschienen war (und die Tatsache, daß innerhalb dessen die Reihenfolge zweier Sätze ausgetauscht worden war, macht es unwahrscheinlich, daß man hier nur vergessen hatte, den Absatz zu überarbeiten).

Es handelte sich also um eine Einreichung, die zum allergrößten Teil schon vorher publizierte Inhalte wiederholte und nur um eine kleine Nuance Neues hinzufügte bzw. den Fokus auf ein einzelnes Element des ganzen Bekannten setzte. Dabei waren so gut wie alle anderen früheren Publikationen genauso aufgebaut; auch sie waren nur Schwerpunktvariationen des Immergleichen und nur gelegentlich war mal der eine und oder andere Aspekt durch empirische Belege oder mathematische Modellrechnungen unterfüttert.

Dann googlete ich die beiden Hauptautoren und entdeckte, daß sie seit ca. 20 Jahren diese eine These (seien wir wohlwollend: Thesenkomplex) erforschten und publizierten und bei ihren unzähligen Veröffentlichungen stets auf eines achteten: Die Titel, also das, was in ihren Publikationslisten dann nur noch zu sehen ist, waren stets unterschiedlich und die Begriffe wiederholten sich nicht. Schaute man jedoch in die Artikel, wiederholten sich bereits die dort angegebenen Keywords nach dem Schema: Was in dem einen ein Keyword war, kam in dem anderen im Titel vor und umgekehrt. Las man sich dann die Abstracts durch, wurde schon eher klar, daß es sich stets um dasselbe dreht, was man jedoch mit Gewißheit nur erkennen konnte, wenn man schon ein paar dieser Publikationen gelesen hatte. Das heißt, es wurde fein säuberlich darauf geachtet, daß die Publikationslisten bei dem Unkundigen den Anschein erwecken, jede Veröffentlichung behandele einanderes Thema.

So funktioniert die heutige Wissenschaft. Man kann davon ausgehen, daß sowieso kaum jemand alles liest, was man publiziert, und man kann davon ausgehen, daß die normalerweise mit nur wenig Zeit ausgestatteten Reviewer es erst recht nicht tun. So ist es ziemlich ungefährlich, mit kleinen Variationen stets das Gleiche zu publizieren.

Natürlich kenne auch ich die alten Sprüche wie "halber Gedanke, ein Aufsatz, zwei Autoren", aber diese offenbar übliche Dreistigkeit hatte ich dann doch unterschätzt bzw. nicht gedacht, daß den Leuten so etwas gar nicht peinlich zu sein scheint.

Ich habe schließlich in meinem Review freundlich auf die Redundanz hingewiesen und die Autoren aufgefordert, doch genau zu kennzeichnen, was denn nun eine neue, nur in diesem Artikel publizierte Erkenntnis darstellt und was nicht. Vielleicht bewirkt ein solcher sanfter Offenbarungszwang ja noch eine inhaltliche Anreicherung mit ein paar tatsächlich neuen Überlegungen – und wenn nicht, wird zumindest für alle die Redundanz offensichtlich.



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