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Das Versagen der Soziologie

(2016)


Die Soziologie hat versagt. Sie hat darin versagt, über ihr eigenes Rezeptionsmilieu hinaus eine gesamtgesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Sie ist eine Wissenschaft, unter der selbst der einigermaßen gebildete Durchschnittsbürger sich selten etwas vorstellen kann, und wenn doch, dann verwechselt er sie mit der Beschäftigung mit Sozialem im moralischen Sinne (z. B. soziale Arbeit). Schon daß kaum jemand weiß, was Soziologie genau ist und wovon sie handelt, ist ein trauriger Hinweis darauf, daß die Soziologie es nicht geschafft hat, in das Allgemeinwissen der Menschen in den Maße einzugehen, daß es ihnen für soziale Phänomene – die diese sehr wohl beschäftigen – auch soziologische Erklärungen liefern kann.

Andere "weiche" Wissenschaften stehen anders da. Egal, ob es um Geschichtswissenschaft, Germanistik, oder Psychologie geht – ein jeder kann sich vorstellen, was dort getrieben und womit sich beschäftigt wird. Das kann nun nicht nur daran liegen, daß z. B. die Psychologie den einzelnen direkt betreffen und Aussagen über ihn und sein Leben machen kann, denn das kann die Soziologie ebenso. Ein jeder weiß die Erkenntnisse aus der Psychologie, die er irgendwie medial vermittelt erfährt, mit seinen eigenen Beobachtungen zu verknüpfen und auf sein eigenes Erleben anzuwenden. Ein jeder hat seine sogenannte "Küchenpsychologie" zur Hand und macht sich mit ihr so seine Gedanken. Doch niemand betreibt Küchensoziologie.

Es kann auch nicht daran liegen, daß die Sichtweise der Soziologie auf die Welt bzw. das Soziale nun besonders unverständlich, komplex, zu abstrahiert oder auch nur schwer nachzuvollziehen wäre. Das trifft überhaupt nicht zu. Und wenn ihre Ausführungen doch schwer verständlich sind, dann handelt es sich eher um ein sich Verstecken der gerade nicht besonders komplexen Versionen von soziologischen Erklärungen hinter schwer zugänglicher Syntax oder extremer Abstraktion ohne regelmäßige Rückführung auf das Konkrete – so als fürchte man, daß eine leichte Verständlichkeit zugleich eine zu simple und darum unseriöse und niveaulose Wissenschaft bedeute.

Der einzige Ort, wo Soziologie in die Gesellschaft wirkt, sind populärwissenschaftliche Bücher, die von manchen Soziologen in eher journalistischer, unterhaltender und auf gerade aktuell diskutierte Themen eingehender Manier veröffentlicht werden. Durch sie entsteht jedoch oft der Eindruck: "Was die Soziologie da sagt, hätte ich auch sagen können, das ist ja ziemlich simpel und naheliegend." Was daran liegt, daß diese Autoren dabei den wissenschaftlichen Charakter der Soziologie aufgeben, verleugnen oder ihre Methoden und genuine Sichtweise aufgrund der Annahme ausblenden, daß es doch ein Gewinn sei, wenn Otto Normalleser es auch verstehe. Aber sie irren sich, denn er versteht recht viel, wenn man ihm es nur vernünftig erklärt.

Worin besteht nun diese genuine Sichtweise der Soziologie? Daß sie überhaupt selten in dieser Allgemeinheit (und Einfachheit) festgestellt wird, ist Teil und Zeichen des ganzen Problems, das auch mit dem Umgang der Soziologie mit ihren eigenen Theorien zu tun hat. Soziologische Theorien sind das Rückgrat und für viele der eigentliche Inhalt der Soziologie, doch sie haben nur in geringem Maße die Funktion, die sie in anderen Wissenschaften (idealerweise) haben, nämlich, daß sie in einem andauernden Prozeß des Aufstellens und Verworfenwerdens den Fortschritt der Wissenschaft und die Zunahme ihres Erkenntnisgehalts widerspiegeln. Denn das würde vor allem voraussetzen, daß sie aufeinander aufbauen, daß sie die Ergebnisse früherer, bislang nicht verworfener oder widerlegter Theorien als gegeben oder gar gesichert betrachten und deren Sichtweise akzeptieren und in ihren Entwürfen integrieren.

In der Soziologie ist es jedoch anders, Theorien werden erstellt und bleiben, sofern sie eine gewissen Zeit bestehen können und eine gewisse innersoziologische Aufmerksamkeit – also im besten Fall Auseinandersetzungen mit ihnen – hervorgerufen haben, einfach bestehen. Dabei findet zwar auch eine Art des Aufeinander-Aufbauens statt, insbesondere wenn eine Kombination der Sichtweise verschiedener Theorien vorgenommen wird, etwa um einem Untersuchungsgenstand gerechter werden zu können. Jedoch bleibt es meist bei einer Kombination und es findet keine Verschmelzung statt, was einen eigentlichen, fach-gemeinsamen Fortschritt darstellen würde.

So bilden sich meist nur Theorieschulen heraus, die im Rahmen der Sichtweise der jeweiligen – oft schon sehr betagten – Theorie bleiben, sich zwar mit ihr auseinandersetzen und auch Erweiterungen an ihnen vornehmen, aber selten eine Theoriediskussion in dem Sinne betreiben, daß die Frage gestellt wird, wie angemessen sie im Vergleich zu anderen Theorien den zur Frage stehenden Gegenstandsbereich beschreiben und erklären können.

Diese, sagen wir mal: "Kultur der Theoriearbeit" wirkt sich nun leider so aus, daß Soziologen, wenn sie von außerhalb der Wissenschaft aufgefordert werden, soziale Gegebenheiten zu erklären und zu beschreiben, dies stets nur als Anwendung einer, oder, wenn man Glück hat, mehrerer, Theorien tun können (und wollen?). Dabei verbauen sie sich die leichte Zugänglichkeit für Nichtwissenschaftler und Nichtsoziologen, denen sie immer erst die Theorie selbst ausbreiten und erläutern müssen, wenn sie wollen, daß diese die Erklärungen nachvollziehen können. Damit wird dann viel mehr über die ausgewählte Theorie ausgesagt als über den zu erklärenden Gegenstand und die Chance, daß sich eine Auswirkung im Wissen des interessierten Laien, geschweige denn in der Normalbildung der Nichtwissenschaftler und Nichtsoziologen entfaltet, wird vertan. Denn diese sind wenig bis gar nicht an den soziologischen Theorien, sondern vielmehr an den sozialen Phänomenen interessiert.

Zurück zu der soziologischen Sichtweise auf die Wirklichkeit. Die eigentliche Erkenntnis und Erkenntnisfähigkeit der Soziologie besteht darin, daß sie zum einen das im weiten Sinne Handeln und Verhalten der Menschen als zum Teil nicht nur in ihnen selbst begründet erkennt, sondern auf seine Beeinflussung, wenn nicht sogar Bestimmung von außerhalb aufmerksam macht – jedoch nicht von anderen Menschen direkt, sondern von quasi zwischen den Menschen entstehenden Wirkgründen. Zum anderen kann sie dabei die Kontingenz dieser, d. h. die Tatsache, daß sie auch ganz anders ausfallen können, verdeutlichen. Im Idealfall sollte die Soziologie also den Menschen in einem aufklärerischen Akt dazu befähigen, die Kontingenz aller sozialen Phänomene zu erkennen, ohne daß diese sich dadurch in ihrem Handeln irgendwie unautonom empfinden. Und diese Aufklärung sollte eben nicht nur in soziologischen Kreisen vonstatten gehen, sondern in der breiten Bevölkerung stattfinden. Das ist bisher aber kaum geschehen.

Zusätzlich zu der Bildung der Bevölkerung der jetzigen postmodernen Gesellschaften mit ihren schier endlosen verwirrenden Eigenschaften, sich permanent verändernden Zuständen und nach einer Erklärung verlangenden Geschehnissen, mit denen die Menschen konfrontiert sind, könnte die Soziologie als Teil des Allgemeinwissens auch zum sozialen Frieden beitragen bzw. zum Zweifeln an den oftmals interessengeleiteten und simplen Erklärungen bestimmter Gruppen in ihr. Denn so wie die Toleranz von Gläubigen gegenüber anderen Glaubenskonzepten voraussetzt, daß der eigene Glauben als kontingent angesehen wird, d. h. daß bewußt wird, daß er auch anders hätte sein können, so besteht der Schlüssel zum Verstehen der eigenen durch das Soziale mitbestimmten Lebensvollzüge zu allererst in der Einsicht in ihre Relativität und Kontingenz.

Als Beispiel für die Momente, an denen dieses Versagen der Soziologie sichtbar wird, bzw. wo Veränderungen im Verstehen der Menschen von sozialen Phänomenen wünschenswert wären, denke man etwa daran, wie leicht auch hahnebüchene naturalistische / ordinärevolutionistische Erklärungen für menschliches Verhalten ("Männer hören nicht zu, Frauen können nicht einparken" bzw. die Diskussionen um Gleichberechtigung) als alleinige Erklärungen akzeptiert werden und ignoriert wird, wie stark diese Verhaltensweisen sozial bestimmt sind. Oder an das z. Zt. immer wieder beobachtbare Argument, daß bestimmte unter Muslimen verbreitete Verhaltensweisen oder -vorschriften gar nichts mit dem Islam zu tun hätten, weil von ihnen im Koran nichts zu finden sei. So als ob Religion eine Handlungsanweisungen ausführende Bürokratie und von ihrer sozialen Funktion und Eingebettetheit ganz unberührt sei.

Insbesondere hat die Organisationssoziologie all ihre Erkenntnisse über die (unbeabsichtigten) Auswirkungen institutioneller Organisation kaum vermitteln können: Die Menschen klagen über organisatorisches Versagen und bürokratische Auswüchse in den Organisationen, mit denen sie zu tun haben, bleiben dabei aber mit ihrem Ärger an den einzelnen Fällen hängen und suchen dort nach Gründen, ohne beispielsweise zwangsläufige und darum verallgemeinerte Auswirkungen der Organisiertheit von Handlungen in Betracht zu ziehen.

Auch die verunsichernde Wirkung gesellschaftlichen Wandels und eines Wertewandels, die sich oft genug in der Suche nach an ihr "Schuldigen" kanalisiert, könnte durch eine soziologische Perspektive gemildert werden und die Menschen ihm gelassen und unaggressiv begegnen – sofern sie die Einsicht verinnerlicht haben, daß diese Veränderungen meist keine Auswirkungen planerischen Handelns bestimmter Personenkreise, sondern höchstens unbeabsichtigte Effekte von alltäglichem Handeln der Gesellschaftsmitglieder sind. Hie hätte die Soziologie längst den Glauben an den automatischen Rückschluß eindämmen können, daß das Auftreten von Geschehnissen in der Gesellschaft durch ein genau dies beabsichtigen Tun verursacht sein müsse. Man denke nur an Verschwörungstheorien und ihre Vorstufen.

Und natürlich hätte schon lange ein soziologisches Allgemeinwissen dem sozialen Frieden und der sozialen Mobilität zuträglich sein können, indem es wiederum das Bewußtsein von der Kontingenz von Milieuzugehörigkeit und der nicht ausschließlichen Zuschreibbarkeit von milieuspezifischen Handlungsweisen zu individuellen Intentionen weckt. So etwa, wenn sich für höher gestellt haltende Mitglieder eines Milieus (aufgrund von Habitusdifferenzen) diejenigen verachten, die sie für niedriger gestellt halten, und umgekehrt, wenn diese den vermeintlich Höheren und Gebildeteren unterstellen, daß jene sich für "etwas besseres" halten. Gab es früher Erzählungen wie einer gottgegebenen und gottgewollten Ordnung, die für die Integration in einer wie auch immer sozial differenzierte Gesellschaft diese Ordnung legitimierten, so gibt es heutzutage keine diese Funktion übernehmende Erzählung und keinen Begründungszusammenhang mehr. Die so entstandene Leerstelle kann dann besonders leicht von konfliktschürenden Ideologien besetzt werden. Die Soziologie hat es bisher verpaßt, hier einzuspringen, die nun fehlende Erklärungsaufgabe in aufgeklärter und rationaler Weise zu übernehmen und so Ideologisierungen vorzubeugen.

In all dem hat die Soziologie versagt und ist stattdessen, getrieben davon, die Sinnhaftigkeit ihrer Existenz beweisen zu müssen, ins Esoterische ihres eigenen Wissenschaftsmilieus und -publikums geflüchtet und hat sich in einem den anderen kaum zugänglichen Spezialistentum eingeigelt. Indem sie die Chance verpaßt hat, auch im nichtwissenschaflichen Diskurs wahrgenommen zu werden, sieht sich dann ironischerweise nur umso stärker mit der Frage nach ihrer Existenzberechtigung konfrontiert.



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