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Der Erregungs-Abstumpfungs-Mythos

(2007)


Da sah ich neulich im Fernsehen einen kurzen Boulevard-Bericht über die zunehmende Pornographisierung der Medien und damit auch der Jugendlichen. Irgendwann wurde dann ein Sexualwissenschaftler interviewt, der meinte, daß man durch die allgegenwärtige Nacktheit in den Medien und der Werbung immer abgestumpfter werde, weil dadurch die Nacktheit selber nicht mehr erregend wirke und somit ganz automatisch ein Verlangen nach mehr einsetze, nach etwas, was dann noch erregend wirkt. Darum verlangten die Leute und insbesondere die Heranwachsenden dann nach immer mehr erotischen Darstellungen und nach immer extremerer Pornographie.

Das ist mal wieder ein schönes Beispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn Sozialwissenschaftler philosophisch untrainiert sind und einfach eine naheliegende Alltagstheorie übernehmen, anstatt sich zuerst einmal phänomenologisch mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen und zu fragen: Was ist das Wesen dieses Phänomens?

Der Irrtum, dem der Mann erlegen ist, ist, daß das Erregungspotential beim Betrachter einer erotischen oder sexuellen Abbildung davon abhänge, was und wieviel er sonst noch zu sehen kriege. (Das würde übrigens im Umkehrschluß ja bedeuten, daß man mit / von dem Partner / der Partnerin genau dann nicht mehr erregt wird, sobald man sich an ihm / ihr sattgesehen hat.)

Doch das Wesen des Phänomens der Erregung durch Betrachtung hängt nicht mit gesteigertem Reiz, sondern mit Interaktion zusammen, egal ob sie nun eine imaginierte oder eine wirkliche ist. Das heißt, daß eine Abbildung oder ein Film genau dann erregend wirkt, wenn der Betrachter - wenn auch nur emotional, intuitiv oder unbewußt - das Gefühl hat, daß eine Kommunikation, eine Interaktion stattfindet, daß er bei dem, was er betrachtet oder beobachtet, gemeint ist und er das Gefühl oder die Illusion hat, daß er der Adressat dieses Geschehens ist; so als wenn z. B. die Nacktheit für ihn, oder damit sie von ihm gesehen wird, geschieht.

Dabei ist es erst einmal nicht entscheidend, ob dies ein reales oder nur ein technisch-optisch reproduziertes Geschehen ist. Die imaginierte oder reale Interaktion ist das Erregende, nicht die beobachtete oder betrachtete Sache. Und wenn von Darstellungen das Potential zu erregen abnimmt, dann nur deshalb, weil die Illusion des Gemeintseins nicht mehr aufrechterhalten werden kann, z. B. weil man ein und dasselbe Bild schon zu oft angesehen hat. Das ist auch der Grund, warum sich dargestellte Erotik oder Pornographie "verbraucht" und der Konsument immer nach neuen Darstellungen verlangt: Nur wenn es neu ist, was auf dem Bild abgebildet wird, neu ist, was im Film geschieht, kann es irgendwie einer Interaktion ähnlich sein und (unbewußt) dafür gehalten werden. Denn nichts ist leichter auch ohne bewußtes Überlegen als Nicht-Interaktion zu erkennen, als sich genau wiederholende Abläufe, Handlungen oder Dialoge, da ein wesentliches Merkmal von Interaktion ist, daß sie niemals gleich ist und sich niemals wiederholt - die Interaktions-Illusion stirbt mit der Wiederholung, denn Interaktion heißt Lebendigkeit und exakte Wiederholung ist niemals lebendig, sondern tot.

Die Abstumpfung, die eintritt, ist darum keine Abstumpfung des optischen Reizes, sondern eine Abstumpfung gegen die Illusion beim Betrachter, daß er gemeint sei. Und gegen diese Abstumpfung hilft auch keine Reizsteigerung mehr, sondern allerhöchstens eine Steigerug in Form einer (noch) perfekteren Interaktions-Illusion - falls möglich.



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