Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




"Alle ... sind schön"

(2014)


Wenn mitfühlende und gut gesinnte Menschen bemerken, daß andere sich selbst angesichts der in Medien und Werbung reproduzierten Idealkörper und des dadurch verfestigten Schönheitsideals als häßlich, minderwertig ausgestattet oder von der Norm abweichend empfinden, so versuchen sie mitunter zu helfen, indem sie sagen, daß alle Menschen schön seien, oder, wenn der Leidensgrund sich auf ein bestimmtes Körperteil bezieht, daß jede/r/s XYZ schön sei, egal wie er/sie/es aussehe.

Diese in bester Absicht aufgestellte Behauptung löst das eigentliche Problem jedoch nicht und hilft und tröstet nur oberflächlich bzw. nur Oberflächliche. Denn erstens bestätigt sie unnötigerweise noch einmal die Berechtigung der Unterscheidung von schön und nicht schön in diesem Zusammenhang und bestätigt auch die Unterscheidung selbst inklusive der dabei zugrunde gelegten Kriterien, anstatt beides anzuzweifeln. Damit wird die eigentliche, das Selbstwertgefühl der betroffenen Person in fast schon übergriffiger Weise verringernde Ursache nicht demontiert, sondern zementiert.

Zweitens wird trotz – oder gerade wegen – der Bestätigung dieser Unterscheidung die Aussage "alle ... sind schön" selbst ad absurdum geführt, denn da sie unlogisch ist (wiekönnen alle schön sein und niemand nicht schön?) wird sie nicht nur unglaubwürdig, sondern entgegen der ursprünglichen Absicht, jemanden aufzuwerten, eher zu einer Abwertung: Wenn alle schön sind, ist niemand mehr schön, denn wenn niemand mehr nicht schön sein kann, hat auch schön sein keine Bedeutung mehr. Diese Aussage wird somit zu einer inhaltsleeren und zu einer gleichmacherischen Aussage – beides nicht sehr hilfreich.

Hilfreicher wäre es, der Berechtigung und Sinnhaftigkeit der Anwendung der Unterscheidung schön / nicht schön und der Relevanz der ihr zugrundeliegenden Kriterien zu widersprechen.



[zurück]