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Artikel vor Personennamen

(2007)


"Hallo, ich bin der Michi, bist du die Tina?"

Mal ehrlich, wer so etwas sagt, ist schon mal verdächtig – für mich jedenfalls. Ja, ja, ich habe schon oft gehört, daß es angeblich in den südlichen Teilen der Republik ganz normal sein soll, Personennamen mit Artikeln zu versehen. Aber trotzdem, ich bleibe dabei: Personennamen mit Artikeln zu benutzten ist immer gruselig und besonders gruselig ist es, wenn man es auch bei seinem eigenen Namen macht.

Warum? Von ästhetischen Gesichtspunkten mal ganz abgesehen wird durch den Gebrauch von Artikeln die Einzigartigkeit, die Individualität, das Person-Sein einer Person sprachlich vermindert. Das wird deutlich, wenn man an die Fälle denkt, in denen ein Artikel vor einem Namen unbedingt notwendig ist, z. B. bei Verwechslungen oder wenn mehrere Personen gleichen Namens auftauchen und man nicht weiß, um wen es nun geht: "Meinst du die Tanja, die auf unserer Schule war?" Die Verwendung des Artikels hat einen Sinn, wenn die Einzigartigkeit einer Person gerade nicht zweifelsfrei gegeben ist und das heißt umgekehrt: sie drückt ein Identifizierungsbedürfnis aus. Dieses Indentifizierungsbedürfnis kann aber nur dann da sein, wenn man nicht weiß, wer wer ist. Wenn aber klar ist, wer wer ist (z. B. beim Vorstellen, wo ja im Akt des Vorstellens selber diese Klarheit erzeugt wird), gleichzeitig jedoch auf sprachlicher Ebene ein Indentifizierungsbedürfnis ausgedrückt wird, dann läßt es auf eine Haltung gegenüber den Menschen schließen, die diese als grundsätzlich verwechselbar, austauschbar und wohl auch beliebig betrachtet.

Nun heißt Personsein ja, einzigartig sein. Und Respekt gegenüber dem Personsein des anderen drückt sich in der Sprache u. a. dadurch aus, daß der Name des anderen in einer Weise verwendet wird, die diese Einzigartigkeit nicht anzweifelt, sondern als selbstverständlich gegeben annimmt. Am deutlichsten wird dieser Effekt bei Namen, die göttliche oder gottgleiche Personen bezeichnen, denn diese sind sozusagen per definitionem einzigartig. So würde mancher vielleicht sagen: "Jesus hat mich gerettet!", aber niemals: "Der Jesus hat mich gerettet." Hier würde der Artikel beim frommen Hörer fast schon ein Gefühl von Blasphemie erzeugen, denn er suggeriert sprachlich, daß es nicht nur einen Jesus gibt, was innerhalb der christlichen Lehre nicht denkbar wäre.

Darum ist klar: Ob beabsichtigt oder nicht, ein Artikel vor Personennamen schränkt das Personsein des anderen auf sprachlicher Ebene ein.



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