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Bahnfahren

(2007)


Ok, es gibt die bekannten Argumente, die Gerne-Bahnfahrer meist vorbringen: Man kann entspannen, muß nicht wie beim Autofahren konzentriert sein, kann schlafen oder lesen oder auch arbeiten und die Reisezeit sinnvoll nutzen, die sonst verloren wäre. Aber ein anderes Moment des Bahnfahrens wird meist übersehen: Bahnfahren ist sinngebend.

Kern der Tätigkeit Bahnfahren ist, daß sie etwas vollkommen Passives ist, aber dennoch durch das Vorankommen eine Aktivität vorgaukelt. Die Voranbewegung, das Vorwärtskommen, für das man, sitzt man erst mal im Zug, nichts tun muß und gegen das man auch nichts tun kann, erzeugt mit genau diesem Moment der Unbeeinflußbarkeit auch die Gewißheit, daß die ses Vorankommen sinnvoll sein muß, denn warum sollte es sonst stattfinden? Und auch die Tatsache, daß man nicht – wie im Taxi – der einzige ist, der reist und um derenwillen die ganze Bewegung stattfindet, sondern daß es mindestens einige, wenn nicht sogar ganz viele andere Leute gibt, die die selbe Strecke reisen, mit denselben Start- und Zielpunkten, verstärkt das Gefühl und die unbewußte Gewißheit, daß in dieser Reise, in genau dieser Fortbewegung von A nach B ein Sinn stecken muß.

So kann das nichtaktive Dasitzen, eingebunden in die soziale Praktik des Bahnfahrens, die von allen Mitreisenden durch ihre Ausübung noch einmal bestätigt wird, selbst in dem Fall, daß man sich ohne konkrete Fortbewegungsnotwendigkeit in den Zug gesetzt hat, einem unterschwellig das Gefühl eines sinnvollen und notwendigen Nichtstun geben, welches niemals erzeugt werden könnte, wenn man z. B. irgendwo im Park auf der Bank säße und ebenso nichts täte.



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