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Blogs

(2007)


Blogs, Blogs, auf einmal war das Internet voll von Blogs. Nicht daß es etwas neues gewesen wäre, tagebuchartige Notizen im Internet zu veröffentlichen (man denke z. B. an LiveJournal), neu war einzig die Nutzung von RSS-Feeds, deren hauptsächliche Funktion darin besteht, den potentiellen Leser, der sie abbonniert hat, unaufgefordert auf jeden neuen Satz in dem jeweiligen Blog aufmerksam zu machen. Und jetzt hat jeder ein Blog, weil es eben eine weitere Internet-Mode ist, die die Meute mitmacht. Nun ist es ja nicht so, daß die Leute auf einmal auch mehr zu sagen, bzw. schreiben hätten — mehr Schreibenswertes zu schreiben hätten, aber auf einmal fühlen sich alle möglichen Menschen veranlaßt, sich mitzuteilen.

Das liegt zum einen daran, daß das schiere Vorhandensein eines Blogs einen gewissen Druck erzeugt - oder nenne man es Anreiz - Einträge zu schreiben. So wie man mit dem Auto zum Einkaufen fährt, wenn man eins hat, auch wenn man vorher zu Fuß ging.

Zum anderen begreifen viele ihr Blog auch als ein öffentliches Notizbuch. Man kann täglich, stündlich, minütlich, so oft wie man will und dank mobilem Onlinesein: wo immer man sich befindet, die Gedanken und Ideen (wenn's denn Ideen sind) online notieren. Was früher das immer mitgeführte Notizbuch war, in dem alles Halbgare, aber Festhaltenswerte zum späteren Aufgreifen und Weiterbearbeiten oder Verwerfen notiert wurde, damit es nicht verloren geht, so wird nun im Blog alles notiert. Aber will man wirklich halbfertige Dinge lesen? Eigentlich ist der Grund etwas zu notieren ja, ob es festhaltenswert ist und nicht, ob es mitteilenswert ist. Dennoch wird es im Blog stantepede mitgeteilt und jeder, der den Feed abonniert hat, wird unverzüglich darüber in Kenntnis gesetzt. Aber möchte man immer sofort darüber in Kennntnis gesetzt werden, daß und was jemandem gerade so in den Sinn gekommen ist?

Hinzu kommt, daß die Hürde bzw. die Hemmschwelle einer Veröffentlichung gering ist, weil es ja nur online ist und nicht gedruckt und die Möglichkeit des Schnell-wieder-Weglöschens in sich trägt. Wenn ich etwas leicht wieder löschen und jederzeit wieder umändern, verbessern etc. kann, dann kann ich's ja auch schnell mal hinschreiben.

Gruselig wird ein Blog jedoch, wenn der Blogger (der sich dann vielleicht auch noch als "citizen journalist" selber feiert) versucht, ein kleiner Journalist zu sein und in seinem Blog irgendwelche News veröffentlicht, die er nur irgendwo aufgeschnappt hat. (Und dabei meist auch nur Nachrichten aus anderen Quellen wiedergekäut und unnötig dubliziert.) Welch ein Horror, das ganze Internet überschwemmt mit News! Und alle tun so, alswären ihre Neuigkeiten wichtige Neuigkeiten und neue Neuigkeiten. Und der Sprachduktus wird dann auch meist unerträglich in dem kindischen Versuch, wichtig und seriös zu sein. Eine sprachliche Sachlichkeit, die Gänsehaut wachsen läßt.

Aber auch wenn Blogger nur versuchen, journalistische Kommentatoren zu sein, ist's meistens grauenvoll. Leute, die entweder keine Meinung zu den Dingen haben oder nur eine belanglose (weil naheliegende) haben, sollten nicht versuchen, Dinge zu kommentieren und dabei noch glauben, eine Meinung sei nur deshalb von Belang, weil sie eine Meinung ist und weil jeder (glücklicherweise) seine Meinung frei äußern darf.

Auch hat bei Blogs immer nur das Aktuellste die Aufmersamkeit. Das Neueste wird automatisch zuerst präsentiert, so als sei es auch das Wichtigste und so kommt es, daß Blogs dadurch, vom Inhalt her gesehen, zu einer Art Wegwerf-Schreibstätte werden. Nach dem Motto: Was alt ist, ist nichts wert und kann auch gar nichts wert sein, denn es ist ja alt. Das Alte, die alten Einträge verschwinden im Archiv und bekommen keine Aufmerksamkeit mehr, und was keine Aufmerksamkeit hat, existiert im Internet nicht. Und selbst wenn das Alte das Neueste ist: Ein Blog, bei dem der erste Eintrag schon Wochen oder Monate her ist, solch ein Blog bezeichnen wir als "tot" und klicken schnell weiter, ganz so als wäre ein alter Text, ein alter Eintrag allein schon durch sein Alter disqualifiziert.

Bloggen ist einfach ein erneuter Internet-Hype, es ist - internettypisch - nur wieder die potentielle Erreichbarkeit durch alle Welt, die potentielle, blitzschnelle Massenverbreitung, die die Leute aus den gleichen Gründen fasziniert, wie es das Lottospielen tut. Theoretisch ist es jedesmal möglich, die Millionen zu gewinnen. Theoretisch. Einen trifft es immer, aber die meisten trifft es nie. Theoretisch ist es möglich, daß die ganze Welt meine Blogeinträge liest. Theoretisch, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tut sie es nicht.

Das Resultat all dessen ist: Jeder schreibt, auch Leute, die es nicht können und Leute, die nichts zu sagen haben. Und so verstärkt sich wiederum das alte Internetproblem: Es gibt keinen Filter, keine Vorauswahl. Das muß man selber bewerkstelligen und genau dieser Mehraufwand ist es, der einem Zeit und Nerv raubt. Bis man das Bloglesen ganz sein läßt.



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