Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Entfremdeter Sex und "guter Sex"

(2014)


Die Frage, ob Sex gut oder schlecht ist, hat nichts mit Techniken, Praktiken, Intensität oder Extensität zu tun; ob er hart oder sanft, wild oder zahm, kurz oder lang ist, mit Geliebten, Bekannten oder Fremden passiert, tut erstmal nichts zur Sache. Es ist auch nicht die eigentliche Frage, ob der Sex gut oder schlecht ist, sondern, ob er entfremdet oder nicht entfremdet ist. Im Normalfall kann nämlich nur nicht-entfremdeter Sex "guter Sex" sein. Das hängt natürlich davon ab, was man unter gutem Sex verstehen will - manch einer mag da ganz eigene Kriterien haben oder sich mit Wenigem zufrieden geben. Doch wenn man den Begriff überhaupt verwenden will, sollte man nur bei nachhaltig erfüllendem Sex von gutem Sex reden. Entfremdeter Sex kann niemals langfristig erfüllend sein, er führt nur zu bestimmten pathologischen sexuellen Verhaltensweisen, mit denen die aus ihm folgende (und meist nicht bewußte) Unerfülltheit zu kompensieren versucht wird:

Erfüllender Sex bedeutet nicht, daß die eigene Lust in idealer Weise befriedigt wird, das ist höchstens ein Teil bzw. eine (Neben-)Folge davon. Erfüllung geschieht nur durch die tätige Erfahrung der Lust des anderen (siehe auch: "Sex ist reziprok") und nicht (primär) der eigenen Lust, denn das wäre nur Masturbation. Dieses sexuelle Erfahren ist ein Ausdruck von und Teil des allgemeinen Erfahrens, Erforschens, Kennenlernens des anderen in seiner Einzigartigkeit. Grundlage dessen ist eine Haltung und ein Interesse, Unergründbares fortwährend ergründen zu wollen - wobei die Unergründbarkeit im Prinzip schon dadurch gegeben ist, daß der Mensch lebendig ist, d. h. durch jeden Lebensvollzug, jeden Moment seines (aktiven) Lebens sich selbst (sein Wesen, seinen Charakter) wandelt. Diese Haltung begründet und veranlaßt eine jede den anderen wahrnehmende zwischenmenschliche Interaktion.

Andererseits und auf der Seite des anderen ist dieses erfahrenwollende Interagieren allerdings um so weniger möglich, je weniger einzigartig der andere ist. Auch wenn prinzipiell jeder Mensch qua Menschsein über Individualität und Einzigartigkeit verfügt, kann sie im Zuge der Vergesellschaftung überformt bzw. eingeebnet werden, wenn die Individuen in mehr oder weniger starkem Ausmaß die in ihrer sozialen Umgebung verfügbaren sozio-kulturellen Verhaltens- und Seinsweisen annehmen und sie bei der Konstruktion ihrer Identität und ihres persönlichen Charakters nutzen. Je bestimmender dies geschieht, desto leichter ergründbar stellt sich der jeweilige Mensch dann in der zwischenmenschlichen Interaktion dar. (Dem Nicht-Soziologen mag das Durchwirken sozio-kultureller Verhaltens- und Seinsweisen auf den persönlichen Charakter und sogar auf die im Alltagsverständis als biologisch-automatisch, instinktiv und nicht beeinflußbar betrachteten Aktions- und Reaktionsweisen übertrieben erscheinen, insbesondere, wenn es um sexuelle Reaktions- und Verhaltensweisen geht. Doch gibt es tatsächlich kaum Weisen menschlichen Agierens, die nicht tiefgreifend modifizierbar oder zumindest überformbar sind.)

Beim sexuellen Handeln, insofern es denn überhaupt ein Interagieren ist, ist das Objekt dieses Erforschens und interessegeleiteten Tuns das individuelle Wie des sexuellen Lusterlebens des Gegenübers. Das heißt, wenn jene Haltung gegenüber anderen Menschen generell nicht vorhanden ist und nicht praktiziert wird, wird sie auch beim sexuellen Handeln nicht erfolgen bzw. werden die Menschen dazu kaum in der Lage sein. Wo kein Interesse an der Individualität des anderen vorhanden ist, wird auch der Sex uninteressiert und darum entfremdet sein. (Von Entfremdung zu sprechen, setzt natürlich eine Behauptung über das wahre, wirkliche menschliche Wesen voraus und wertet die daraus folgende Zustände des Menschen.)

Es gibt nun einerseits Situationen, die entgegen der ersten Intuition keineswegs zu entfremdetem Sex führen bzw. nicht-entfremdetem Sex nicht widersprechen und ihn nicht ausschließen, und andererseits Verhaltensweisen, die die Entfremdung zu kompensieren versuchen:

Auf den ersten Blick könnte man denken, Sex ohne Liebe sei entfremdet und in Liebe gründender oder sie ausdrückender sei es nicht, doch tatsächlich ist das eine vom anderen ganz unabhängig. Aus Liebe kann Lust erwachsen und dann zum Sex führen oder Lust allein kann zum Sex führen. Wie man beim Sex interagiert, hängt dabei keineswegs von seiner ursprüng lichen Veranlassung ab, sondern eben von der Haltung, also vom Interesse am anderen Men schen. Es sind durchaus Liebesweisen möglich, bei denen dieses Interesse nicht ein Aus druck von ihr ist und dann Sex zwar aus Liebe vollzogen wird, er aber dennoch entfremdet bleibt, so wie umgekehrt nicht-entfremdeter Sex auch ohne jede (Gründung in) Liebe statt finden kann. Wenn Sex ausschließlich in derartigen Weisen der Liebe gründet, wird er zwangsläufig entfremdet sein.

Allerdings schließt ein strengerer Liebesbegriff (der sich außerdem nicht allein auf erotische Liebe bezieht) ein derartiges Interesse am anderen und Bedürfnis des unabschließbaren Kennenlernens mit ein, wodurch in diesem Fall nicht-entfremdeter Sex doch die Folge von Liebe sein kann. Somit ist einerseits die Interesse-Haltung sowohl Teil dieser "wahren" Liebe als auch Voraussetzung für nicht-entfremdeten Sex, andererseits aber nicht-entfremdeter Sex sowohl auch ohne Liebe als auch ohne derartige wahre Liebe möglich, da jene Haltung zwar zu nicht-entfremdeten Sex führen kann, aber nicht zu wahrer Liebe führen muß.

Eine andere, den nicht-entfremdeten Sex nur scheinbar ausschließende Verhaltensweise ist die Promiskuität. Denn es ist ganz egal, ob man/frau nur einen Sexualpartner hat oder es mit mehreren oder vielen tut, sogar, ob mit mehreren zugleich. Die Anzahl der Partner ist vollkommen unabhängig von der Frage der Entfremdung. Man kann es immer mit dem gleichen Partner in entfremdeter Weise tun (d. h. der Partner als Mensch ist egal) oder mit vielen auf nicht-entfremdete Weise (d. h. sie in ihrer Individualität ernst nehmen). Ganz im Gegenteil könnte man die Promiskuität sogar als Ausdruck eines noch stärkeren Interesses an der menschlichen Einzigartigkeit auffassen.

Auch sado-masochistische Praktiken sind an sich kein entfremdeter Sex, sondern können ebenfalls als eine spezielle Weise des (gegenseitigen) Erfahrens der Individualität im sexuellen Reagieren und Tun bezeichnet werden.

Selbst Prostitution schließt nicht-entfremdeten Sex nicht aus. Man könnte denken, gekaufter Sex wäre ein Paradebeispiel für entfremdeten Sex, denn hier scheint es ausschließlich um die eigene Lust zu gehen, deren Befriedigung durch einen anderen dadurch erkauft wird. Doch auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß beim bezahlen Sex von einer der beiden Seiten das Interesse an dem Lusterleben des anderen im Vordergrund steht, schließt die Tatsache der Bezahlung der sexuellen Handlungen dieses in ihren Vollzügen nicht aus. (Wobei natürlich ein Teil der gekauften Dienstleistung das Vorspielen dieses Interesses sein kann. Doch dies kann auch in jeder anderen nicht bezahlten sexuellen Begegnung der Fall sein, und darum ist die Gefahr, daß entfremdeter Sex für nicht-entfremdeten gehalten wird, immer gegeben.) Der Anlaß, der Grund und die Motivation für die sexuelle Interaktion sind - ähnlich wie bei der Frage, ob Sex aus Liebe stattfindet oder nicht - ganz unabhängig von ihrer Art und Weise. (Gleiches gilt auch für alle Formen des Sexes aus rationalen Erwägungen bzw. als Mittel zu anderen Zwecken.)

Entfremdeter Sex kann sich in verschiedenen pathologischen Verhaltensweisen äußern, die eine direkte Folge oder Ausdruck von ihm sind und Kompensationsversuche dieser Entfremdung nach sich ziehen, um ihre als negativ empfundenen Auswirkungen zu mildern.

Eine offensichtliche Pathologie bzw. Vollzugsweise entfremdeten Sexes ist der masturbatorische oder egozentrierte Sex. Hier wird der Sexpartner als lebendes Hilfsmittel zur Selbstbefriedigung genutzt und dabei in keinster Weise als Mensch, geschweige denn individuelle Persönlichkeit oder individuelles (und individuell (re-)agierendes) Sexualwesen wahrgenommen und darauf auch nicht Rücksicht genommen - er ist strenggenommen gar nicht Teil der sexuellen Handlung. Im günstigsten Fall verhält es sich bei beiden Sex-Partnern so, so daß sich die Situation einer wechselseitigen Masturbationshilfe (nicht unbedingt im wörtlich-praktischen Sinne) ergibt und sich beide gegenseitig ergänzen.

Wird der Partner insofern schon ein bißchen als Mensch wahrgenommen, als daß er als jemand mit den gleichen oder zumindest ähnlichen Bedürfnissen betrachtet wird, so nimmt die gegenseitige "Nutzung" des anderen zur Befriedigung der eigenen Lust die Form eines Tauschgeschäfts an - was immer dann der Fall ist, wenn von "Geben und Nehmen" in der Sexualität die Rede ist. In diesem Fall ist die Frage nach gutem oder schlechtem Sex nur die Frage nach der Fairneß des Tausches oder fairen Geschäfts, und ist das gegeben, hatten beide "guten Sex". Dabei ist das Grundproblem das gleiche wie in jeder anderen Geschäftsbeziehung: Der Sex kann für den einen noch besser werden, wenn er auf Kosten des anderen geht. Da hier jedoch allein die eigene Lust Antrieb für den Sex und Kriterium seiner Güte ist, wird es immer zu diesem Problem kommen (und das Vorhandensein von, ggf. auch impliziten, Fairneß-Regelungen kann als Indiz für diese Sexweise gewertet werden).

Eine dritte Pathologie ist die Wahllosigkeit der (Sex-)Partnerwahl - was wiederum nichts mit der Anzahl oder der Häufigkeit des Wechsels der Partner zu tun hat. Denn bei der Wahllosigkeit ist der andere egal, es ist egal, ob es nun gerade er oder sie ist oder jemand ganz anderes, da er/sie sowieso nicht als individueller Mensch wahrgenommen wird und darum ohne Auswirkungen auf den Sex mit ihm/ihr austauschbar ist, d. h. er/sie wird als - mit Ausnahme körperlicher Merkmale - gleichartig mit allen anderen und darum eben wahllos austauschbar betrachtet. (In allgemeineren Beziehungsdingen ist auch der zeitlich lückenlose Wechsel des Beziehungspartners (den einen erst zu verlassen, wenn der andere schon sicher ist) ein Ausdruck von Wahllosigkeit, denn hier geht es auch nicht um den Menschen, sondern um das Beziehung-Haben; nicht der Mensch mit seinem spezifischen Wesen, sondern das Bedürfnis nach einer Beziehung ist der Grund, sich auf den einen oder auch den anderen ein zulassen.)

Derartige Vollzüge von entfremdetem Sex hinterlassen ein Gefühl der Leere und Unerfülltheit trotz erfolgter Befriedigung. "Omne animal post coitum triste" lautet der berühmte Ausspruch über die sogenannte postcoitale Tristesse - eine Folge entfremdeten Sexes. Wenn die nach Befriedigung drängende Lust, die den ganzen emotionalen Raum des erregten Menschen einnahm und sein Tun bestimmte, befriedigt wurde und damit dann verschwindet, bleibt nichts zurück und nur die traurig machende, triste Leere übrig. Zwar um ein Erlebnis, aber nicht um eine Erfahrung im Sinne von einem Erfahren reicher, hinterläßt der entfremdete Sex einen so, wie man vorher war. Daß etwas geschehen ist, man etwas getan hat, aber trotzdem nichts als Resultat des Handelns nachbleibt, wie bei (fast) jedem anderen Handeln, erzeugt das Leere- und Frustrationsgefühl. Man ist und fühlt sich in seinem Tun entfremdet. Denn nur, wenn man eine neue Erfahrung des anderen an dem anderen gemacht hat, ist etwas Neues da, ist man tatsächlich reicher an Erfahrung, hat etwas dazugewonnen, wodurch die postcoitale Tristesse nicht auftreten kann.

Ist das aufgrund der pathologischen Sexweise nicht möglich, so versucht man dennoch irgendwie ein "Mehr" zu erreichen und damit die Leere zu kompensieren. Doch da es dabei kein wirkliches, qualitatives Mehr geben kann, bleibt nur ein quantitatives. Und weil ein solches, ist es einmal erreicht, nicht mehr befriedigt und wiederum in die Tristesse führt und dann stets nach noch mehr Mehr verlangt, führen diese Kompensationsversuche geradewegs in eine Steigerungsdynamik hinein: Da es beim entfremdeten Sex ja allein um die eigene Lust geht, wird sie entweder zu steigern versucht, indem die gleichen Handlungen quantitativ ausgedehnt werden (länger, intensiver). Oder es wird eine vorgeblich qualitative Steigerung angestrebt, beispielsweise indem neue, noch nicht erfahrene Erfahrungen zu machen versucht werden, meist in Form neuer Praktiken. Gern wird auch ein Erfahrungsplus gesucht, indem man "seine Grenzen austestet" oder "hinausschiebt" und so neue Erfahrungen über sich selbst und seine eigene Sexualität - aber eben nur sich selbst - macht. Eine schon ins Absurde gehende Variante dessen ist die Signalisierung gegenüber anderen, daß man gerade besonders viel Lust empfinde (meist durch Lustlaute oder (Körper-)Gestik), ob nun gegenüber dem Sexpartner oder anderen eventuell Anwesenden (oder etwa beim Do-it-yourself-Porno-Aufnehmen). Eine Steigerung zur Kompensation kann auch durch die Maximierung der Anzahl der Sexpartner geschehen, sei dies nun parallel oder seriell. (Und da es ja eben nicht um die Individualität und Verschiedenartigkeit der Partner geht bzw. diese gar nicht wahrgenommen wird und auch nicht interessiert, kann auch kein reales Erfahrungs-Mehr erfahren werden.) Schließlich gibt es noch den Versuch, Sexpraktiken in ihrer Extremität selbst immer weiter zu steigern.

All diese Steigerungsversuche leiden unter ewigem Unbefriedigtsein, da jede neu erreichte Steigerungsstufe den Menschen zwar erst einmal befriedigt, aber niemals erfüllt, da dabei der entfremdete Sex entfremdeter Sex bleibt und einen mit der innere Leere zurückläßt. Der Versuch, durch ein Mehr an Eigenerfahrung das fehlende Mehr an Erfahrung des Gegenübers zu kompensieren, wird langfristig immer scheitern, da eine jede Steigerung irgendwann an ihre (natürliche) Grenze stößt. (Sexratschläge raten meist zu derartigen kompensatorischen Steigerungsverhaltensweisen, doch da sie die Entfremdung des Sexes nicht sehen, können sie nicht wirklich helfen und steigern die Entfremdung nur noch.) Hingegen ist die Erfahrung des anderen als Mensch in seiner Sexualität unendlich, da sie (von selbstverplatteten Menschen mal abgesehen - s. o.) stets unendlich ergründbar, also letztlich unergründbar sind, und nur so nicht-entfremdeter und erfüllender - guter - Sex möglich ist.



[zurück]