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Die zwangsläufige Idee der Ewigkeit

(2017)


Die Endlichkeit der menschlichen Existenz und das Wissen des Menschen darum war schon immer eine wichtige Erfahrung, die ihn zum Nachdenken über sich und sein Leben gezwungen hat. Die Einsicht, daß er irgendwann sterben wird, scheint in seiner Entwicklung seit dem Verfügen über ein Selbst-Bewußtsein und der Fähigkeit, sich selbst zum Gegenstand des eigenen Denkens zu machen, gegeben. Doch warum stellt diese Sterblichkeit und Endlichkeit, für ihn ein Problem dar, das ihn dermaßen bedrängt, daß er seit jeher einen großen Aufwand treibt, religiöse oder philosophische Lösungen zu finden? Es liegt an der ganz zwangsläufig entstehenden Idee der Ewigkeit, die mehrere Ursachen hat:

Erstens setzt das durch das Selbstbewußtsein ermöglichte Denken über sich selbst und die eigene Existenz die Perspektive einer diese überdauernden Kontinuität voraus, von der aus diese Endlichkeit erst erkannt und bezeichnet werden kann. Das heißt, beim Erkennen und Nachdenken über die eigene Endlichkeit - und dann auch die Endlichkeit anderer Menschen, Lebewesen und Dinge - ist die Annahme einer Unendlichkeit schon aus logischen Gründen implizit.

Zweitens ist das abstrakte (d. h. das von akuten Handlungsvollzügen losgelöste und ihnen nicht als direktes Mittel dienende) Denken in der Lage, sich mit Dingen zu beschäftigen, die per se von der Zeitlichkeit abgekoppelt sind. Dies ist bereits gegeben, wenn es Gültigkeit beansprucht, denn Gültigkeit bedeutet, von Zeit und Ort unabhängig zu sein. Alle Ereignisse oder Fälle, für die eine Aussage o. ä. Gültigkeit haben soll, sind nur in Zeit und Raum auftretende Fälle, aber nicht diese selbst; die Gültigkeit ist nicht von dem, auf das sie sich bezieht und für das sie gilt, abhängig. Abstraktes Denken überschreitet stets jegliches Sein und so entsteht aus dem Gültigkeitsanspruch die Vorstellung von zeitlos existierenden Entitäten, wie sie z. B. als Platons Ideen oder die Inhalte von Poppers Welt 3 beschrieben werden können. Das heißt, der Mensch kann Gegenstände denken, die nicht daran gebunden sind, ob er sie auch erleben kann.

Drittens ist die eigene Nichtexistenz nicht nur unerfahrbar, sondern auch denkunmöglich. Bekanntermaßen stellte schon Epikur fest: "So ist also der Tod (...) für uns ein Nichts; wenn wir da sind, ist der Tod nicht da, aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr." [Brief an Menoikeus], doch geht über diese Erfahrungsunmöglickeit der eigenen Nichtexistenz ihre Nicht-Vorstellbarkeit noch hinaus. Tot zu sein ist nicht undenkbar, bleibt aber nicht denkbar. Versucht man dennoch, sich seine Nichtexistenz vorzustellen, so muß man automatisch die Perspektive eines Beobachters einnehmen, der dieses Nichtsein - sei es in Form des Fehlens, des Verschwindens oder nicht Auftretens - wahrnimmt. Aus der Eigenperspektive kann sie nicht beobachtet und darum auch nicht vorgestellt werden. Diese Beobachterperspektive wird dann durch die Annahme einer Ewigkeit gesetzt, die die eigene Existenz und die aller anderen endlichen Existenzen überdauert. Mit ihr kann die eigene Nichtexistenz dann doch dem Denken zugänglich gemacht werden.

Es steht also der zeitgebundenen und endlichen eigenen Existenz ein zwangsläufiger Denkmodus der Zeitlosigkeit - man kann auch sagen: der Unendlichkeit und Ewigkeit - gegenüber. Sobald der Mensch denkt, hat er es mit Ewigkeit zu tun und er muß sich fragen, warum dann seine körperliche Existenz alles andere als ewig ist. Da das Denken schon mit Referenz auf und mit der Voraussetzung der Ewigkeit stattfindet, erscheint es absurd, daß es als individuell stattfindendes nicht selbst auch ewig sein soll. Genau hieraus erwächst dann die Vorstellung einer ewigen Seele als Bündelung des individuellen Denkens.

Wenn man davon ausgeht, daß Selbst-Bewußtsein und abstraktes Denken Wesensmerkmal des Menschen sind, also das menschliche Leben erst auszeichnen, bedeutet das, daß sich das endliche Leben, das um seine Endlichkeit weiß, stets im Modus der Ewigkeitsannahme befindet. Der dabei auftretende Widerspruch wird entweder durch die Leugnung und Verdrängung der eigenen Sterblichkeit (in der heutigen Erlebnis- und Selbstverwirklichungsgesellschaft) oder durch religiöse Vorstellungen von einem wie auch immer gearteten Weiterleben nach dem Tode (in der Mehrzahl der historischen Gesellschaften) zu entschärfen oder aufzulösen versucht.

Das Leben mag, gemäß Heidegger, ein "Sein zum Tode" sein, aber das Denken (und das Denken über das Leben) bewegt sich immer in der Ewigkeit und damit auch Unsterblichkeit.



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