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Experten und Kompetenz

(2015)


Experten hält man für Menschen, die von einer Sache mehr verstehen als andere. Wenn man in einer Angelegenheit wissen will, was am besten und klügsten zu tun sei und es selbst nicht weiß oder glaubt, für diese Entscheidung zu wenig gute Gründe zu kennen, wendet man sich ratsuchend an Experten, in der Hoffnung, daß sie einem diese Gründe liefern können. Läßt man sich jedoch von mehr als einem Experten beraten, kann man die Erfahrung machen, daß sie ganz unterschiedliche Ratschläge geben und über ein und denselben Sachverhalt sich widersprechende Einschätzungen äußern. Als Laie wird man dann gerade nicht schlauer, je mehr Fachleute man um Rat fragt, sondern nur immer ratloser und kann seine Hilflosigkeit nur noch in Redensarten wie "zwei Experten, drei Meinungen" ausdrücken.

Doch woran liegt das? Es liegt daran, daß die Feststellung des Vorhandenseins von Expertenwissen und Kompetenz nur von denjenigen vorgenommen werden kann, die über eben dieses Wissen verfügen, d. h. nur eine Experte kann beurteilen, ob jemand ein Experte ist.

Generell stellt die Beurteilung von Kompetenz durch den nicht Kompetenten ein unlösbares Problem dar. So steht zum Beispiel ein Schüler, der von einem Lehrer etwas Bestimmtes lernen will, vor der Aufgabe, denjenigen Lehrer zu finden, der über diese Sache am besten Bescheid weiß – was er jedoch nicht kann, da er von ihr ja noch keine Ahnung hat. Geringere Kompetenz kann höhere Kompetenz niemals als solche erkennen und glaubt sie es doch zu können, stützt sie sich auf stellvertretende Merkmale, die Kompetenz zu signalisieren vorgeben, z. B. Zertifikate ("examiniert"), höhere Positionen in Hierarchien ("Chefarztbehandlung") oder Alter ("langjährige Erfahrung"). Der lernwillige Schüler, der aufgrund dieser seine Entscheidung für den einen und nicht dem anderen Lehrer trifft, weiß erst, wie zuverlässig diese Merkmale sind, wenn er selbst die angestrebte Kompetenz erreicht hat, er also diese Einschätzung gar nicht mehr benötigt. Das heißt, man kann niemals jemanden von seiner eigenen, höheren Kompetenz mit stichhaltigen Gründen überzeugen, man kann ihn nur mithilfe anderer Merkmale beeindrucken und ihn überreden, an die eigene Kompetenz zu glauben. Und auf der anderen Seite kann man keine höhere Kompetenz beurteilen, solange man noch darauf angewiesen, sie zu beurteilen.

Sind solche kompetenzsignalisierenden Merkmale nicht verfügbar, kann der Experte sein Expertentum nur dadurch glaubhaft machen, daß er die anderen Experten (mit denen er im Falle des Ratsuchens vom Laien in Konkurrenz steht) für in- oder weniger kompetent erklärt. Das geht am einfachsten, indem er einer anderen Meinung ist als sie. Nur einem Experten wird zugebilligt zu sagen: Dieser Experte liegt in einer Sache richtig und jener nicht. Mit der Aussage, daß jemand anderes richtig liegt, kann man eine höhere Kompetenz jedoch nicht darstellen, man kann höchstens darstellen, daß man die gleiche Kompetenz hat wie der andere. Denn vielleicht liegt der andere Experte in Wirklichkeit ja gar nicht richtig und man ist – genau wie der Laie – nur nicht kompetent genug, das zu erkennen. Die Aussage, er liege richtig, wäre dann gerade ein Indiz für die eigene ungenügende Kompetenz, denn wäre man der kompetentere Experte, würde man erkennen, daß der andere in Wirklichkeit falsch liegt.

Es ist darum zwangsläufig so, daß Experten unterschiedliche Meinungen zu ein und derselben Sache haben und dem Laien sich widersprechende Empfehlungen geben.



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