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Feedkommunikation - die Praktik des zweifachen Desinteresses

(2013)


Feeds, also das automatische Bereitstellen von Links zu neuen Inhalten, die (in Feedreadern) abonniert werden können und durch die die Abonnenten automatisch über diese Inhalte benachrichtigt werden, tauchten zuerst auf Webseiten und Blogs auf und wurde dann zur zentralen Kommunikationsform der sogenannten sozialen Plattformen: Man wählt durch Folgen, Kontakten oder Befreunden aus, wessen Posts automatisch in der eigenen Gesamt timeline auftauchen sollen und bei wem es umgekehrt ebenfalls geschehen soll. Dabei ist das Prinzip immer das gleiche: Man bekommt alle neuen Posts der anderen unaufgefordert präsentiert. Das mag für Nachrichten-Neuigkeiten oder Blogposts eine Erleichterung sein, für Neuigkeiten aus dem zwischenmenschlichen Bereich ist es jedoch problematisch. Denn dadurch, daß für jeden einzelnen alles, was alle anderen posten, mit denen man "befreundet" ist oder denen man folgt, stets in dem eigenen, aggregierten Gesamtfeed oder Timeline erscheint, findet die Kommunikation auf spezielle Weise statt:

Auf der einen Seite werden Inhalte mit einer Publikationsattitüde geposted, das heißt sowohl für einen mehr oder weniger ausgewählten Leserkreis, jedoch nicht spezifisch auf jemanden gerichtet, als auch publiziert in dem Sinne, daß der Schreibende nicht unmittelbar wahrnehmen kann, wer das Geschriebene wann rezipiert und ob überhaupt. Es geht also nicht darum, jemanden etwas zu erzählen, berichten, weiterzuerzählen, mitzuteilen, sondern eher um ein Bekanntmachen, was man vielleicht mit Rundbriefen aus Vor-Internet-Zeiten vergleichen kann. Die Organisationsform des Mediums erzwingt also eine ganz bestimmte Kommunikationsweise (zusätzliche Möglichkeiten, wie etwa direkte Nachrichten, seien hier mal ausgeblendet, da sie nicht das Wesen der Plattformen ausmachen). Auf der anderen Seite reagiert ein jeder mehr oder weniger auf diese automatisch auftauchenden Posts, klickt "gefällt mir", kommentiert, reposted usw. und diese Reaktionen - und nur diese Reaktionen - sind die einzige Rückmeldung, die der Postende über die Rezeption seiner Posts erhält.

Damit praktiziert ein jeder zugleich eine zweifache Egalheit, ein zweifaches Desinteresse: Einerseits wird mitgeteilt, ohne daß es einen Grund für die Annahme eines Interesse der Rezipienten an dem Mitgeteilten gibt; es ist dem Mitteiler relativ egal, ob der Post jemanden interessiert - es bleibt ihm aufgrund der vorgegebenen Kommunikationsweise auch nicht viel anderes übrig. Dabei wird eine Haltung des Desinteresses gegenüber dem Rezipienten, dem Gegenüber, praktiziert. Andererseits ist man es gewohnt, alle Post/Neuigkeiten etc. ungefragt in dem eigenen Gesamtfeed aufgeführt zu bekommen. Das heißt, man verläßt sich darauf, daß einem von denjenigen, bei denen man sich entschieden hat, daß es einen interessiert, was sie zu sagen haben oder was es bei ihnen Neues gibt, alle Neuigkeiten präsentiert werden, ohne daß man sich darum kümmern müßte und ohne daß man zuvor an denjenigen denken müßte, ohne daß man denken müßte, "was macht eigentlich ...", "wie geht es eigentlich ...", "was gibt's eigentlich neues von ...". Dadurch, daß man sich also darauf verlassen kann, daß Neuigkeiten o. ä. einem selbst automatisch präsentiert werden, wird eine zweite Art der Egalheit eingeübt, die, obwohl aus Interesse initiiert, in praxi von Interesselosigkeit geprägt ist, da es nicht notwendig ist, eigeninitiativ ein Interesse aufzubringen. Zugleich wird dann auch die persönliche Reaktion, in der sich normalerweise performativ ein Interesse ausdrücken würde, zu einer, die nur stattfindet, wenn sie provoziert wird. So als riefe man alle seine Bekannten, Freunde und Verwandten gleichzeitig an und teile ihnen ungefragt und unaufgefordert mit, wie es einem gehe, was man macht, denkt, fühlt, zu sagen hat. Die Reaktionen würde man dann auch nicht als besonderen Ausdruck eines Interesses empfinden, denn sie waren provoziert, selbst wenn sie freiwillig waren.

Das Ganze ist somit praktizierte soziale Interaktion mit zweifachem Desinteresse, in der man sich weder die Mühe macht, herauszufinden, ob es jemanden interessiert, was man mitzuteilen hat, noch herauszufinden, was der andere zu sagen hat, wenn er nichts unaufgefordert mitteilt. Natürlich tritt diese Kommunikationspraktik nur zu den gewohnten alltäglichen zwischenmenschlichen und medial unvermittelten hinzu, sie wird aber nichtsdestotrotz täglich eingeübt.

Somit wird eine publizistisch-reaktive soziale Kommunikationspraktik eingeübt, die dann pathologisch wird, wenn sie - eben weil gut eingeübt - auch auf andere Kommunikationssituationen übertragen und dort praktiziert wird. Was durchaus zu befürchten ist, zumal sie hervorragend zur sich gegenwärtig immer weiter ausbreitenden egozentrisch-konsumistischen Grundhaltung paßt.



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