Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Illegales Filesharing als Umverteilung

(2012)


In der Debatte um illegales Filesharing wird argumentiert, der Künstler (von der Verwertungs- und Distributionsindustrie mal nicht zu reden) könne nicht mehr zu seiner verdienten Entlohnung kommen, wenn ein von ihm geschaffenes Werk kopiert und konsumiert werde, ohne daß die Konsumenten etwas dafür bezahlten, von dem ein Teil auch dem Künstler zustehe. Doch was damit verteidigt wird, ist schon eine marktwirtschaftliche Deformation der Entlohnung des Werkschaffenden, die sich weit von einer bloßen Vergütung seiner Arbeitszeit und seines Arbeitsaufwandes entfernt hat. Denn wie selbstverständlich geht man davon aus, daß für ein von vielen konsumiertes Werk dem Werkschaffenden mehr Geld zustehe als für ein von wenigen oder niemandem konsumiertes Werk. (Und der hierbei erzeugte Gegenwert, der nur abhängig von der Menge der zahlenden Konsumenten ist – was selbst nur aufgrund der verlustfreien Kopierbarkeit des Werkes möglich wurde –, wirkt natürlich auch auf den ideellen Wert des Kunstwerkes zurück, so daß man geneigt ist, ein in diesem Sinne erfolgreiches Werk auch als größeres, wertvolleres anzusehen.) Dies ist eine Folge davon, daß Werke, die ihrem Anspruch nach eigentlich nicht zwingend Konsumobjekte, sondern einen Wert an sich darstellen wollen, genötigt werden, sich der Vermarktung zu unterwerfen. Man kann dies als Fortschritt gegenüber einer Finanzierung der Werkschaffenden bzw. ihrer Werke durch Mäzenatentum ansehen, denn hier ist der Künstler nicht mehr nur von der Gnade, dem Willen und dem subjektiven Geschmack des Mäzens abhängig. Dafür ist er jetzt vom Geschmack der Massen abhängig, denn mit dem, was wenig oder keinen Gefallen findet, ist wenig oder gar kein Geld zu verdienen.

Doch hat das Raubkopieren per Filesharing auch eine unerwartete sozial-umverteilende Wirkung: Denn durch sein technisches Prinzip stehen dort nur jene Dateien zur Verfügung bzw. sind schnell(er) herunterladbar, die auch von vielen bzw. überhaupt irgendwelchen Teilnehmer zur Verfügung gestellt werden. Das sind dann Dateien jener Werke, die bei vielen beliebt sind, die viele haben wollen und dabei auch zum Download anbieten. Wenig bekannte oder von wenigen gesuchte Werke werden darum viel seltener über diesen Weg entgeltlos kopiert. Damit ist es auch wahrscheinlicher, daß, wer ein solches Werk konsumieren will, sich dies nur auf legalem Wege beschaffen kann dann auch dafür zahlen muß.

Insofern entsteht durch das illegale Filesharing eine Art selbstregulierende Umverteilung und gleicht den höheren Verdienst der bei vielen beliebten Werken – die ja nicht zwingend durch einen höheren Arbeitsaufwand entstanden sind – wieder etwas aus.



[zurück]