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Fotografieren I

(2007)


Überall und zu jeder Zeit wird fotografiert, die Leute zücken ihre Foto-Handys und lichten alles ab, was ablichtbar ist. Aber auch Hobbyfotografen gibt es unglaublich viele und die knipsen, was das Zeug hält. Wie kommt es, daß Fotografieren so unglaublich populär ist und was ist es, das die Leute auf den Auslöser drücken läßt? Es gibt grundsätzlich zwei unterschiedliche Motivationen: Das Festhalten-wollen und das Gestalten-wollen, wobei ersteres (leider) am häufigsten anzutrefen ist.

Das Festhalten-wollen geht davon aus, daß eine Fotografie ein Abbild eines realen Gegenstandes ist und nicht mehr, und daß die Qualität eines Bildes daran zu messen ist, wie getreu sie den Gegenstand wiedergibt. Man möchte etwas "im Bild festhalten", ein Abbild eines Gegenstandes mit nach Hause nehmen und beim Betrachten des Fotos immer wieder an diesen Gegenstand, diese Landschaft, diese Personen oder diese Situation zurückdenken. Das Foto wird nur als eine Gedächtnisstütze für die Erinnerung betrachtet und darin erschöpft sich dann die Funktion der Fotografie.

Die zweite Motivation, das Gestalten-wollen hat der ersten einen Erkenntnisschrit voraus. Es betrachtet die Fotografie nicht mehr nur als ein Abbild von etwas, das mehr oder weniger gut gelungen ist, also dem Abgebildeten mehr oder weniger gleicht, sondern weiß um den Unterschied zwischen einem Abbild und dem darauf Abgebildeten und nutzt diesen. Dieser Unterschied besteht nun darin, daß sich im Akt des Fotografierens der abgelichtete Gegenstand von einem fotografierten Gegenstand zu einem Gegenstand auf einer Fotografie verwandelt, wodurch er zu einem vollkommen anderen Phänomen wird. Der gestaltungswillige Fotograf weiß, daß es keinen Sinn macht, irgendetwas "gut" zu fotografieren, sondern daß es nur Sinn machen kann, eine gute Fotografie zu erstellen, die mithilfe realer Gegenstände gestaltet werden kann.

Es gehört natürlich schon eine gewisse visuelle Abstraktionsfähigkeit dazu, zwischen Fotografiertem und Fotografie zu unterscheiden und die inzwischen vorherrschende Digitalfotografie macht es leider nur noch schwerer. Früher bestand gezwungenermaßen ein gewisser zeitlicher Abstand zwischen dem Fotografieren und dem ersten Betrachten der entstandenen Fotografie. Man hatte nicht mehr so stark das Fotografierte im Kopf, während man das Bild betrachtete und es war darum viel leichter das Fotografierte aus der Sicht der Fotografie zu erfahren. Heute vermischt sich beides, wenn man gleich nach dem Abdrücken das Foto auf dem Display betrachten kann. Da sieht man dann eher das fotografierte Objekt und es erfordert eine noch größere Abstraktionsanstrengung, um die Fotografie als etwas von der abgebildeten Szene getrenntes zu sehen.

Warum ist nun die Motivation des Festhalten-wollens und die dazugehörige Weise des Fotografierens vorherrschend, bzw. warum sind die meisten Menschen unfähig oder nicht willens jene Unterscheidung zu machen?

Es liegt wohl daran, daß die meisten Menschen mit ihrer Umwelt (und oft auch mit ihren Mitmenschen) nur in Beziehung treten können, indem sie versuchen, Besitz zu ergreifen. Wenn man aber etwas nicht haben kann, sei es weil es nicht mitnehmbar oder weil es gleich wieder vorbei ist oder einfach weil es andere Menschen sind, was kann da näher liegen, als ein Abbild davon zu machen, das man mitnehmen und besitzen kann. Damit ist das Verlangen nach Besitz wenigstens halbwegs befriedigt worden.

Und weil diese innere Haltung nicht dazu befähigt, zwischen Fotografiertem und Fotografie zu unterscheiden und damit die Fotografie als eine eigene Realität wahrzunehmen, wird es auch unmöglich, sie kreativ zu gestalten – eine Abbildung soll danach ja keine Interpretation des Abgeblideten sein, sondern das Abgebildetet "naturgetreu" abbilden. Dem Besitzen-wollenden Menschen ist nichts ferner, als schöpferisch tätig zu sein. Erschaffen und Besitzen sind zwei Umgangsformen mit/in der Welt, die ziemlich weit voneinander entfernt sind, wenn sie sich nicht sogar gegenseitig ausschließen.



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