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Gleichgültigkeits- und Selbstmarketingkommunikation

(2012)


Ein schon länger oft diskutiertes Thema ist die Konfrontation des Internet-Benutzers mit einer überwältigenden Informationsflut, wobei im Vergleich zu früheren Institutionen, wie etwa Bibliotheken, die Informationen zum einen ungleich leichter zugänglich sind und zum anderen viel unstrukturierter und unsystematischer vorliegen. Angesichts dessen rufen die einen nach Filtermechanismen, die irgendwie eine (Vor-)Auswahl treffen, und die anderen danach, daß die Menschen eben die Kompetenz entwickeln müßten (und auch werden), Überflüssiges von (für sie) Relevantem zu trennen.

Das Problem mit der Beurteilung der Relevanz von Informationen ist jedoch, daß man sie nur vornehmen kann, wenn man sich mit eben diesen Informationen beschäftigt, sich mit ihnen auseinandersetzt, sie aufnimmt, sie einordnet und dann ihre Relevanz beurteilt. Abgesehen davon, daß das kaum zu leisten ist und auch viel zu anstrengend wäre, hat man mit jedem Filter- oder Relevanzbeurteilungsversuch dann schon das gemacht, was man eigentlich vermeiden wollte: Man hat die Informationen rezipiert. Und in dem Fall, daß sie sich dann als nicht relevant herausstellt, war dies vollkommen umsonst. Somit wird der eigentliche Zweck einer Relevanzbeurteilung, nämlich daß man die irrelevante Information nicht rezipiert, verfehlt.

Doch tatsächlich haben wir, während wir das Internet und die für uns zugänglichen Informationen nutzen, das Problem der Informationsflut und der Relevanzbeurteilung ganz praktisch gelöst: Mit Gleichgültigkeit. Denn wir surfen durch das mit Texten, Bildern und Tönen überflutete Netz genau so, als würden wir durch eine Anstalt mit geistig Verwirrten wandern, die beständig vor sich hin und in sich hinein kommunizieren. Wir nehmen nicht ernst, was gesagt, gesungen, geschrien wird, weil wir uns sagen: Wir sind nicht gemeint, was die da alle reden, ist nicht ernst zu nehmen – die sind nicht ernst zu nehmen. Und dann ziehen wir weiter, die Anstaltstür schließt sich, wir klicken das Browserfenster weg. Wir fühlen uns nicht belästigt, wir fühlen uns nicht tangiert, denn was geht es uns an? Also leiden wir auch nicht darunter, leiden nicht darunter, daß wir eigentlich den Verwirrten antworten sollten, leiden nicht darunter, daß wir mehr be-kommuniziert werden, als daß wir uns auf Kommunikationsprozesse einlassen können, leiden nicht unter dieser Kommunikations-/Informationsüberflutung. So begegnen wir der Informationsflut mit Gleichgültigkeit.

Wir trainieren diese Haltung jeden Tag, dieses normale Verhalten im "social web", bis es schließlich auf unser soziales Verhalten im wirklichen Leben, von Angesicht zu Angesicht abfärbt. Aber vielleicht ist es auch andersherum: Das Verhalten im "social web" wird deshalb so gut angenommen oder es wurde deshalb die Technik zur Ermöglichung einer spezifischen Kommunikationsweise etabliert und hat sich bei den Usern durchgesetzt, weil diese im Alltag bereits auf diese Weise kommunizieren.

Und wie reagieren wir sonst noch auf die Internetkommunikation, die so immer mehr zur Inkarnation der Unkommunikation wird? Das abwechselnde Von-sich-Erzählen, bei dem der einzige Zusammenhang zwischen den Ego-Proklamationen das endlos verkettete, gegenseitige Stichwortgeben ist und die sich dann sogleich in der Belanglosigkeit des Vergangenen verlieren: Auf den hinteren Seiten der Blogs, die nur noch von Bots gelesen werden, in den Twitter-Nachrichten von letztem Jahr, die vielleicht nicht einmal mehr Twitter selbst speichert, in den Facebook-Post, zu denen sich keiner mehr runterscrollen kann.

Auf all das reagieren wir mit Wiederholung, gebetsmühlenartiger Wiederholung, denn wir müssen unsere Selbstdarstellung, unser erhofftes Bild bei allen anderen, also die Marke unseres Selbst, schärfen, unseren Online-Kontakten immer wieder einhämmern wie einen dümmlichen Werbeslogan. Wir müssen zwischen den ganzen "Freunden", die unsere "Freunde" haben, wiedererkennbar, identifizierbar, marke-ierbar sein.

Somit wird, da wir uns alle im Internet gegenseitig nicht mehr ernst nehmen, ein Selbstmarketing notwendig, denn wir nehmen uns genauso nicht ernst, wie wir Werbung nicht ernstnehmen und uns höchstens noch von ihr berieseln lassen. So berieseln wir uns gegenseitig, sind uns gegenseitig zur Ware und zur Werbeagentur unserer selbst geworden.



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