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Handys und Häßlichkeit

(2009)


Wie war es vor der massenhaften Verbreitung von Handys doch schön, in Bus und Bahn zu fahren. Es war schön und die Menschen waren schön. Denn was das Fahren im öffentlichen Nahverkehr stets spannend machte, war das Beobachten der anderen Leute. Unter Berücksichtigung des Gebotes der Zurückhaltung und des Nicht-Belästigens konnte man sich die Menschen angucken und beobachten, wie sie ebenfalls nur so dasitzen und aus dem Fenster oder in den Bus oder den Bahnwaggon schauen. Man konnte gucken, ob sie sympathisch oder unsympathisch aussehen, und daß sie überwiegend schweigend dasaßen und man sie eben nur äußerlich wahrnehmen konnte und daß sie darum für einen auch nichts anderes sein konnten als ihre äußere Erscheinung – das machte den ganzen Zauber aus. Denn beim Beobachten und Betrachten konnte man sich ganz seiner Phantasie hingeben, seinen Vorstellungen, wie diese verschiedenen Menschen denn sein mögen, was für Persönlichkeiten sie wohl seien und dabei auch mit den eigenen Clichévorstellungen und Vorurteilen bzgl. ihres Aussehens spielen. Und schließlich ist man ausgestiegen und hat diese idealisierenden Vorstellungen von den Charakteren der anderen Menschen mitgenommen, ohne daß sie jemals an der Realität geprüft hätten werden müssen.

Heutzutage wird diese Freude aber immer wieder empfindlich gestört, nämlich genau dann, wenn die Menschen ihr Handy zücken und zu sprechen anfangen. Dann werden die eigenen Phantasie-Vorstellungen brutal zerstört und alle Idealisierungen desillusioniert, wenn man durch die Art und Weise, wie diese Menschen sprechen, erst merkt, was für Menschen es sind. Oft erkennt man dann eine Niveaulosigkeit in den anderen Menschen, die klar unter dem imaginierten Niveau liegt, und durch diese Erkenntnis werden sie dann schlagartig häßlich.



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