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Dieter Kühn: Ich war Hitlers Schutzengel. Fiktionen.

(2010)


Dieter Kühn erzählt vier Geschichten, in zweien gelingen Attentate auf Hitler, die in der Realität gescheitert waren und der mögliche Ablauf der Ereignisse wird weitergesponnen: Einmal übernimmt Hermann Göring die Macht, ein anderes Mal erst Himmler und dann Rommel. Eine dritte, leicht überzeichnete Geschichte schildert ironisch den ängstlichen Umgang mit einer wiedergefundenen Hitler-Statue.

Die meisterhafte Geschichte unter den vieren ist jedoch die, die dem Buch den Titel gab: "Ich war Hitlers Schutzengel". Hier berichtet der Schutzengel Hitlers davon, wie er, seinem Auftrag von Gott, das Leben Hitlers zu schützen, gehorchend, alle Attentate auf diesen verhinderte. Die einzige Möglichkeit für ihn das Geschehen zu beeinflussen war dabei, als innere Stimme Hitlers zu sprechen, und auf diese Weise vereitelte er erfolgreich alle Attentate. Dabei befindet er sich in mehreren konflikthaften Situationen (und reflektiert sie selbst auch), die im Grunde gar nicht engelhaft, sondern vielmehr äußerst menschlich sind:

Zuerst einmal ist da der moralische Konflikt des Tyrannenmords, dem auch die Attentäter selbst ausgesetzt sind. Hitler hat zweifelsohne millionenfaches Leiden und Tod zu verantworten und das Töten Hitlers könnte dies stoppen. Aber ist es zu rechtfertigen, jemanden zu ermorden, nur weil man davon ausgeht, daß er weiterhin das Morden an anderen verursachen wird? Wäre es also moralisch geboten, daß der Schutzengel nicht versucht, die Attentate zu verhindern, und damit seinen Tod indirekt mit verschuldet?

Dann zeigt sich beim Schutzengel genau der gleiche Rechtfertigungs- und Schuldentledigungsversuch, wie er auch von so vielen Nazis und ausführenden Beamten dieser Zeit unternommen wurde: Er versucht, das Verhindern der Attentate damit zu rechtfertigen, daß er ja nur seinen Auftrag ausgeführt habe und es gar nicht seine Aufgabe gewesen sei, die Folgen dessen moralisch zu bewerten. Darum könne ihn auch keine Schuld treffen und er für sein Tun keine Verantwortung übernehmen.

Und schließlich - und das ist ein herrliches Augenzwinkern des Autors - sieht sich auch der Engel mit dem Problem des schweigenden Gottes konfrontiert. Denn er hat den Auftrag, Hitler zu schützen, zwar erhalten, aber als er an dessen Richtigkeit zweifelt, bekommt er keine (erneute) Bestätigung von Gott oder von einem in der himmlischen Hierarchie über ihm stehenden anderen Engel; auch nicht, als er daran zweifelt, ob er seinen Auftrag überhaupt richtig verstanden und nicht mißverstanden hat. Somit ist der Schutzengel Gott gegenüber in der gleichen Situation wie der zweifelnde Mensch: Gott schweigt. Der Engel ist wie der Mensch mit seinen Zweifeln allein gelassen, und auch im Moment seines größten Zweifels und der Ratlosigkeit, was das richtige Tun sei, bekommt er kein Zeichen von Gott. Und auch nach dem Krieg, nachdem sich Hitler schließlich selbst umgebracht hat, weiß der Schutzengel noch nicht einmal, ob er seinen Auftrag nun richtig erfüllt und er sich als Schutzengel bewährt hat. Gott schweigt weiterhin.

Das Großartige an dieser Geschichte ist neben der an sich schon geistreichen Idee, daß Hitler einen Schutzengel gehabt hat (bzw., wie alle anderen Menschen ja auch, gehabt haben mußte), ihn selbst zu Wort kommen und diese drei inneren Konfliktsituationen durchleben zu lassen, die zu haben ja auf den ersten Blick so gar nicht engelhaft, sondern eben: menschlich ist.



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