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Die Immaterialität der Musik und ihres Trägermediums

(2013)


Konnte man auf Schallplatten noch die Musik selbst als in Vinyl geritzte Schwingungen erkennen und sah sogar, wie lang ein Musikstück und ob es laut oder leise war, so gab es schon bei Tonbändern und Cassetten nichts mehr zu sehen als die Länge des Bandes bzw. die Dicke der Spulen als ein Maß für die Zeit, die die Musik einnahm. Bei CDs schließlich wurde auch davon abstrahiert, da es nur noch die digitale Track- und Zeitanzeige gab und das Wissen - aber nicht Sehenkönnen -, daß die Musik dort ähnlich wie auf einer Schallplatte gespeichert sein mußte. Bei einer Audio-Datei nun gibt es gar keine nicht vermittelten materiellen Manifestationen der Musik mehr, denn selbst ihr Vorhandensein kann nur durch einen Computer (oder einen in einem Abspielgerät befindlichen Computer) bezeugt werden.

Dadurch ist das Musikmedium fast vollständig immaterialisiert worden und gleicht darin der immateriellen Musik und ist ihrem Wesen so nah wie nie zuvor; das Wesen der Musik in dem Sinne, daß sie ein allein in der Gegenwart stattfindendes Ereignis ist, und als Ganzes nur in der Vorstellung des Zuhörers existiert, der sich an ihren schon erklung enen Teil erinnert und den noch erklingenden Teil in nichtbeliebiger Form erwartet.

Die Musikaufzeichnung als Datei, ihre Nicht-Manifestation, ihre Flüchtigkeit und das Nicht-in-der-Hand-halten-Können - also die Nichtwahrnehmbarkeit der Musik jenseits der Wahrnehmung der Musik selbst - macht nun den Wert der Musik viel deutlicher: Man lädt etwas herunter und bezahlt dafür, bezahlt für etwas, das nicht greifbar, sondern nur hörbar ist, denn man erwirbt keinen Tonträger, sondern quasi nur noch die Musik selbst. Dabei wird der (immaterielle) Wert der Musikaufnahme direkt mit dem im Kauf sich aus drückenden monetären Wert verknüpft, da nun kein Tonträger mehr erworben wird, der bisher, wie beim Kaufen materieller Dinge, primär die Funktion des Gegenwerts einnahm.

Als längerfristige Wirkung hiervon wird der Konsument den Wert der Musikaufnahme mehr Wert-schätzen und das illegale Kopieren/Verbreiten von ihr viel eher als "Betrug" be trachten. Es ist also keineswegs so, daß die Loslösung der Musikaufnahme von dem materiellen Trägermedium als Ursache oder Beschleunigung eines hemmungslosen illegalen Kopierens betrachtet werden kann.



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