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Modernes Interaktionsabbrechen

(2010)


Es gibt eine moderne Form der alten Unsitte mancher Menschen, das Gespräch mit anderen sofort und an jeder Stelle - auch während der andere spricht - abzubrechen, sobald entweder das eigene Kind auch nur einen kleinen Mucks von sich gibt oder sich sonstwie regt (auch wenn es damit gar nicht beabsichtigte, die Aufmerksamkeit der Mutter oder des Vaters zu erregen) oder wenn dies der/die jeweilige Partner/in tut und die komplette eigene Aufmerksamkeit übergangslos auf diese(n) zu richten: Das Interaktionsabbrechen der Always-on(line)-Leute.

Da sitzt man mit jemandem im Café, im Restaurant, zu Hause oder im Büro und mitten in der Unterhaltung wird unvermittelt das Handy gegriffen oder aus der Hosentasche geholt, wo es gerade vibriert hat und wortlos wird die neueste, gerade eingegangene SMS, E-Mail, Twitter- oder Facebook-Nachricht gelesen. Natürlich ohne ein "Moment mal" oder gar ein "entschuldige bitte", was zumindest von einem Bewußtsein von der Unhöflichkeit zeugen würde. Nein, übergangslos richten sie ihre Aufmerksamkeit auf das Gerät, und indem sie herauszufinden versuchen, ob die durch das Handy übertragene Neuigkeit denn wichtig ist, entscheiden sie, daß die gerade laufende Interaktion weniger wichtig ist als das Herausfinden der Wichtigkeit eben dieser Nachricht. Dabei nehmen Sie nicht nur nicht wahr, daß sie ein Nichtrespektieren des anderen und eine Abschätzigkeit ihm gegenüber kommunizieren, sondern sie bemerken die ganze Absurdität der Situation auch nicht; genauso wie sie nicht mehr hören, was man - seine Sätze zuende führen wollend - zu ihnen spricht, während sie schon die Nachrichten lesen.



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