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Das Internet, das ist die Hölle, das sind die anderen

(2010)


"Die Hölle, das sind die anderen", lautet das berühmte Zitat und ist die Kernaussage in Sartres Stück "Geschlossene Gesellschaft", in dem drei tote Menschen für immer in einen Raum gesperrt sind und sich ununterbrochen ertragen müssen, sich alles, ihr gescheitertes Leben, erzählen und sich gegenseitig mit dem Wissen über den anderen quälen, aber die Chance, voreinander zu fliehen, nicht ergreifen.

Das Internet ist die moderne, diesseitige Hölle in diesem Sinne, denn das Internet, das sind die anderen. Es besteht aus den anderen Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, mit ihrer Liebe und ihrer Bösartigkeit. Durch die latenzlosen Kommunikationsmöglichkeiten ist man wie in einen Raum mit ihnen gesperrt, sie können dich sehen, du kannst sie sehen; jedoch ohne wirkliche Begegnung mit ihrer unmittelbaren Gegenseitigkeit und so letztlich doch in Anonymität. Dem wirklichen Zugriff des anderen entzogen, sich aber zugleich vor ihm entblößend.

Einander ausgeliefert, alles voneinander wissend und trotzdem voreinander geschützt. Die ideale Vorraussetzung, um die bösen und abgründigen Triebe in jedem Menschen zu wecken, die bei dem einen schneller, bei dem anderen nicht ganz so schnell zum Vorschein kommen. So, wie in der "Geschlossenen Gesellschaft" die Insassen sich nicht töten können, da sie ja bereits tot sind, so kann man im Internet nicht wirklich aufeinander treffen, sich nicht begegnen und ist voreinander geschützt. Und so wie bei Sartre die drei Toten alles voneinander wissen, so wissen wir im Interent auch alles voneinander und haben freie Hand, mit diesem Wissen den anderen zu quälen, der sich dem nicht entziehen kann, weil er sich seiner Internet-Existenz nicht entziehen kann.

Ganz wie der maskierte Folterknecht, der von seinem Opfer nicht erkannt werden kann und ihm nicht wirklich begegnet, weil er – was die Voraussetzung jeglicher tatsächlichen kommunikativen Begegnung wäre – von ihm nicht erkannt wird und genau darum in seinem Tun hemmungslos sein kann, so sind wir füreinander zugleich anonyme Folterknechte und ausgelieferte Opfer.



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