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"Jeder kann es schaffen"?

(2007)


Vor längerer Zeit habe ich im Fernsehen irgendsoeine Reportage gesehen, in der Bill Clinton, als er noch Präsident der USA war, in einer Schule vor Schülern sprach. Dabei erzählte er den Jugendlichen unter anderem, daß jeder von ihnen, wenn er/sie sich nur anstrenge, "es schaffen" könne.

Ich nehme mal an, daß dieses "jeder kann es schaffen" drei implizite Mitteilungen transportieren sollte:
1. Wenn ihr euch nur genügend anstrengt, werdet ihr später mal einen gut bezahlten Job haben.
2. Das ist prinzipiell für jeden möglich, es hängt nur von euch alleine, von euren Leistungen ab.
3. Daß das möglich ist und daß nur eure Leistungen (und nicht eure soziale Herkunft) honoriert wird, zeichnet das freie, kapitalistische Gesellschaftssystem und insbesondere seine Gerechtigkeit aus.

Aber leider ist das alles nur die halbe Wahrheit, denn ein wesentliches Moment, das in allen Wettbewerbssituationen (um positionale Güter) gilt, wurde verschwiegen. Die ganze Wahrheit hätte lauten müssen:

Jeder kann es schaffen, aber nicht jeder kann es schaffen.

Wettbewerb entsteht nur, wenn die zu erlangenden Güter knapp sind, also wenn sie nicht für alle reichen, nicht jeder sie erlangen kann. Jeder kann im Lotto gewinnen, aber nicht jeder kann im Lotto gewinnen. Das hindert uns nicht daran, Lotto zu spielen, denn wir hoffen, daß wir und nicht die anderen die Gewinner sind. Theoretisch kann jeder die Million gewinnen, aber tatsächlich nur einer.

Was passiert nun aber, wenn sich alle, oder nur zu viele, genügend anstrengen und es nicht genügend zu erreichende (Ziel-)Positionen gibt? Beim Lotto wird der Gewinn geteilt. Im Wettbewerb fallen die Überfüssigen unter den Tisch, und das auch dann, wenn sie eigentlich genügend Leistung erbracht haben. Darum hätte der vollständige Ausspruch lauten müssen:

Jeder kann es schaffen, aber nicht jeder kann es schaffen, denn es kann nur jeder schaffen, wenn es nicht jeder schafft.

Das alles ist mehr oder weniger bekannte Wettbewerbslogik. Aber die spannendere Frage ist: Wie kommt es eigentlich, daß uns das theoretische Gewinnen-Können als fortschrittliche Gerechtigkeit verkauft werden kann, welche angeblich gerade zu den Segnungen des Kapitalismus gehört? Wie kommt es, daß wir glauben, Gerechtigkeit erschöpfe sich darin, jedem theoretisch die Chance zu geben, eine der wenigen Positionen (an der Spitze) zu erreichen. Und was heißt eigentlich "gerecht"?

Natürlich ist es gerecht, wenn jeder die gleiche Chance hat (aber selbst das ist in der sozialen Wirklichkeit wiederum nur theoretisch), doch ist es ebenso gerecht, wenn nur einer diese Chance auch nutzen kann? Wer letzteres als gerecht empfindet, hat nicht begriffen, daß jeglicher Gerechtigkeitsbegriff immer auf ein Kollektiv, eine Gemeinschaft u. ä. zielen muß, nicht auf eine bloße Menge von Individuen, ansonsten wird er inhaltsleer. Doch anscheindend haben wir die Wettbewerbslogik schon so internalisiert, daß wir nicht nur glauben, das Leben bestehe nur aus Wettbewerb und der eigene Sieg inklusive dem Verlieren der anderen sei das erstrebenswerte Ziel im Leben, sondern auch schon gleiche Chancen - die Voraussetzung für einen funktionierenden Markt - als das höchste und letzte Ziel der Gerechtigkeit akzeptieren.

Alle Menschen sind gleich? Nein, alle Menschen haben die gleichen Chancen ungleich zu werden.



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