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Kaffee trinken und Kaffeetrinken

(2015)


Es gibt das Kaffee trinken und es gibt das Kaffeetrinken. Kaffee kann man immer und mitlerweile auch überall trinken. Der schnelle Wachmach-Kick für unterwegs, im Pappbecher, von vorgeblich hoher Qualität und in allen nur erdenklichen Variationen – gehalten in der einen Hand, das Smartphone in der anderen.

Man kann aber auch beim Kaffeetrinken Kaffee trinken. Das Kaffeetrinken als soziale Praktik ist ein geselliger und ungehetzter Akt, der genau darum vollzogen wird und bei dem das Kaffee trinken zwar elementarer Bestandteil ist, der Kaffee selbst jedoch nicht das Wichtigste. Kaffee enthält normalerweise Koffein und macht wach und soll auch wach machen. Interessant ist jedoch, daß im ersten Fall des Kaffee trinkens der Kaffee wach machen soll, um für andere Tätigkeiten wach zu sein. Er ist also Mittel zum Zweck und wird darum auch oft getrunken, während man anderen Dingen nachgeht. Im zweiten Fall des Kaffeetrinkens soll er zwar auch wach machen, jedoch tut man währenddessen nicht das, wozu man unwachgemacht nicht wach genug war, sondern es wird eine Auszeit von anderen Tätigkeiten zelebriert.

Man wird durch das Koffein wach gemacht, um die Pause zu genießen und nicht, um etwas anderes zu tun, wenn nicht sogar um nichts zu tun. Wach werden als Ritual der Entspannung, Kaffee to stay und nicht to go. Und wenn der wachmachende Effekt wieder nachläßt, kehrt man geruhsam und entspannt – aber nicht wacher – zu der Tätigkeit zurück, die man pausiert hatte. Eine Tradition, die heutzutage schon subversiv erscheint. Oder anders herum: Was ist passiert, daß eine solche, lang praktizierte Tradition subversiv erscheint?



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