Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Kein Entkommen aus der Moral

(2015)


Ich hatte mal eine Freundin, die auf eine eklige Weise lügen konnte. Nicht daß, was oder bei welchen Gegebenheiten sie log war eklig, denn es bewegte sich alles im Rahmen dessen, was ein durchschnittlicher Mensch mit durchschnittlicher Lebensweise tut. Eklig war, daß, sobald an der Wahrhaftigkeit ihrer Aussagen und damit an ihrer Aufrichtigkeit gezweifelt wurde, sie diesen Zweifel auf eine erschreckend authentische und damit glaubhafte Weise mit großer Entrüstung von sich wies, und zwar so authentisch, wie es sonst nur gute Schauspielkunst vermag. Ich selbst konnte es auch nur darum durchschauen, weil ich dieses Verhalten wiederholt in Situationen des Lügens gegenüber Dritten beobachten konnte, in denen wir uns beide über die Unwahrheit ihrer Aussagen einig waren.

Doch was genau war dabei eklig? Daß zur Unterstützung einer Lüge eine weitere Lüge benutzt wurde oder die Perfektion der zweiten Lüge? Nein, eklig daran war, daß zur Verstärkung der Glaubhaftigkeit der Lüge – also dem Bruch des moralischen Gebotes, die Wahrheit zu sagen – ein Verhalten vorgespielt wurde, das die Inakzeptanz eben dieses Bruches betont und dabei das Verdächtigtwerden dessen als zusätzlichen Bruch eines weiteren moralischen Gebots – nämlich den, andere nicht der Lüge zu bezichtigen – umdeutet und daß obendrein durch die Entrüstung vorgegeben wurde, von diesem Verdacht persönlich getroffen zu sein. Das heißt, das Ausnutzen des moralischen Gewissens des anderen zum Zweck der Leugnung des eigenen Übertretens des gleichen moralischen Gebotes empfindet man als eklig und betrachtet es als ein noch viel unmoralischeres Verhalten, da es mit Moral spielt und das Moralgewissen des anderen instrumentalisiert.

Doch der eigentliche Grund für diese sich in Ekelempfinden ausdrückende sehr starke Mißbilligung ist ein anderer: Wer ein Gebot bricht, stellt durch diesen Bruch die Moral als Prinzip selbst nicht in Frage, sondern bestätigt sie. Wird aber ein moralisches Gebot instrumentalisiert, setzt sich der/diejenige über die der Moral selbst zugrundeliegende Regel hinweg, nämlich die, daß Gebote befolgt oder nicht befolgt werden können. Die Ursache für das Ekelempfinden liegt also nicht in der besonderen Schwere des unmoralischen Verhaltens, sondern in dem Darüberhinwegsetzen und damit ins Wanken bringen des Prinzips der Moral. Wer sich einer Norm widersetzt, bestätigt die Unterscheidung zwischen Normbefolgung und Normbruch. Wer aber die Normativität selbst instrumentalisiert, zeigt damit, daß er sich dieser Unterscheidung nicht unterwirft, und sie nicht als für sich geltend akzeptiert. Andere, die dann mit solchem Verhalten konfrontiert sind, können jedoch nichts tun als genau so darauf zu reagieren, wie sie auch auf einen "normalen" Normbruch reagieren würden, nämlich mit Mißbilligung – in Form des ihnen maximal möglichen Ausdrucks, nämlich Ekel.

Doch weil keine andere Reaktion möglich ist, wird die eigentlich ausgehebelte Unterscheidung von Normbefolgung und Normbruch durch die Ekel-Reaktion wieder eingeführt. Man könnte auch sagen, die Leugnung der Unterscheidung von Normbruch und Normbefolgung wird zum größtmöglichen Normbruch zurückgestutzt. Das heißt, auch wenn diese Unterscheidung handelnd negiert wird, gibt es letztlich kein Entkommen aus ihr.



[zurück]