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Kommunikationspathologien im Internet

(2014)


Warum trollt ein Troll? Warum gibt es gerade im Internet das Phänomen des Trollens? Warum gibt es Shitstorms, warum gibt es Cybermobbing, warum sogenannte Hater? Wie kommt es gerade hier zu all diesen Kommunikationspathologien - und wenn es sie auch in anderen Bereichen bzw. bei anderer medienvermittelten Kommunikation gibt, warum treten sie gerade im Internet gehäuft und in verschärfter Form auf?

Verbreitete Erklärungsversuche, die sich nur auf fehlende Sanktionsmöglichkeiten oder Sanktionswirksamkeit, auf mehr oder weniger große Anonymität oder auf die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Kommunikation bei fehlenden sozialen Strukturen berufen (wozu auch Vertrauen, wechselseitige Bekanntheit, akzeptierte Verhaltensregeln zählen), können meines Erachtens nicht befriedigen. Ich glaube, die eigentliche Ursache ist in der Spezifität der Internetkommunikation selbst zu suchen.

Das Internet übernimmt zum großen Teil die Funktion eines Kommunikationsmediums. Kommunikationsmedien in der herkömmlichen Bedeutung als Medien der Kommunikationsermöglichung oder -erleichterung kann man als technikgestützte Praktiken der Kommunikation zwischen Menschen definieren, die einerseits die Funktionen und Leistungen der face-to-face-Kommunikation beschneiden, sie andererseits aber auch erhöhen (z. B. bzgl. der räumlichen Reichweite, der Verbreitungspotenz oder ihrer Langlebigkeit). Beides kann pathologische oder auch nur sozial dysfunktionale Folgen haben, die durch medienspezifische Verhaltensnormen oder -regelmäßigkeiten kompensiert werden können.

Die Beschränkung der Leistungen von Kommunikation durch Kommunikationsmedien besteht darin, daß sie einige oder mehrere der zu der ursprünglichen oder Grundform der Kommunikation zwischen räumlich Anwesenden ("face-to-face") gehörenden Kommunikationskanäle nicht mit abbildet und blockiert. Dadurch wird Kommunikation nicht unmöglich, sie verändert sich jedoch. Diese Grundform der Kommunikation besteht nicht nur aus einer sprachlich kodierten und durch Sprache transportierten Information und zugleich ausgedrückten Neben- oder Metabotschaften durch z. B. den Tonfall oder der Signalisierung eigentlicher Mitteilungsabsichten, sondern ist ein komplexes Wechselspiel, das während jedes einzelnen Kommunikationsaktes Rückkopplungen zuläßt - seien dies das Mienenspiel des anderen, körperliche, etwas bestimmtes symbolisierende Reaktionen wie z. B. tiefes Luftholen, sei es das Angucken oder Weggucken (also die beobachtbare Aufmerksamkeit) oder andere, wie es heißt, nonverbale Kommunikationsinhalte. Durch alle diese Rückbotschaften wird das zu Kommunizierende permanent beeinflußt und angepaßt, und zwar währenddessen und nicht in einem Wechselspiel aneinander anschließender Kommunikationsakte.

Der Mensch hat sich auf die Nutzung dieser Seitenkanäle eingestellt und geht prinzipiell bei jeglichem Kommunizieren, egal wie sehr es auch durch Kommunikationsmedien vermittelt ist, zumindest intuitiv davon aus, daß sie dennoch vorhanden und nutzbar sind und kommuniziert dementsprechend. Da sie jedoch einerseits in mediatisierter Kommunikation niemals vollständig vorhanden sind und andererseits durch dieses Davon-ausgehen die Kommunikation oft so gestaltet wird, daß man dabei dennoch auf sie angewiesen ist, nimmt durch die medienvermittelte Kommunikation die Gefahr von Kommunikationspathologien zu (wovon Mißverständnisse nur die naheliegendsten und häufigsten sind).

Grundsätzlich können Menschen auf das Fehlen dieser Neben-Kommunikationskanäle bei der Kommunikation mittels Kommunikationsmedien auf fünf Arten reagieren:

1. Die individuelle Kompensation der blockierten Kanäle, indem die über sie übermitteltenInhalte imaginiert und ergänzt werden.
2. Die individuelle Kompensation der blockierten Kanäle durch Thematisierung der über sieübermittelten Inhalte.
3. Die institutionalisierte Kompensation der Blockierung, indem die dadurch möglicherweise ausgelösten Pathologien durch konsensuelle Verhaltensregeln vermieden werden.
4. Ein bewußtes Ausnutzen der Blockierung.
5. Das Ignorieren der Blockierung dieser Kanäle, indem so kommuniziert wird, als wären sie noch vorhanden und nutzbar.

Am Beispiel des Telefonierens als kommunikatonsmedienvermittelter Kommunikation wird 1., 2., 4. und 5. deutlich: Dadurch, daß nur das Sprechen übertragen wird, gehen zwar tonfallabhängige Metabotschaften, wie z. B. Ironie, nicht verloren, alle durch Gestik und Körperlichkeit übertragenden jedoch schon. Man merkt nicht, wo jemand während des Telefonierens hinschaut, z. B. auf den leisegeschalteten Fernseher oder ins Internet, ob er zugleich einem Anwesenden durch Grimassenschneiden stumm etwas mitteilen will oder ob er während des Zuhörens etwas liest (4.) - alles Verhaltensweisen, die, würden sie in der face-to-face-Kommunikation beobachtet, beleidigend wirken würden. Vermutet jemand dieses Verhalten z. B. aufgrund von nur zögerlichem Reagieren, kommen schon mal Fragen auf wie: Machst Du gerade noch etwas anderes? Hier wird also durch das Thematisieren dessen, was man nicht sehen kann, das Fehlen dieses (visuellen) Nebenkommunikationskanals zu kompensieren versucht (2.). Solange jedoch keinen Anlaß für einen Zweifel daran besteht, wird davon ausgegangen, daß der andere beim Telefonieren nicht noch etwas anderes macht, was in der face-to-face-Kommunikation unhöflich wäre. Das heißt, es werden die per Telefon nicht übermittelbaren Nebenbotschaften hinzuimaginiert, es wird nicht auf sie verzichtet. Die Kommunikationspraktik paßt sich eben nicht an die Beschränkungen des Kommunikationsmediums an, sondern es werden fehlende Informationen automatisch ergänzt (1.). Dabei wird zugleich unbewußt so gehandelt, so kommuniziert, als gäbe es diese Beschränkungen nicht, was man daran erkennen kann, daß Menschen am Telefon gestikulieren und Gesichtsausdrücke zur Unterstreichung des Gesagten einsetzen, obwohl sie ja wissen, daß das nicht gesehen werden kann. Man geht also zumindest intuitiv ganz automatisch noch von der ursprünglichen Kommunikationssituation der Face-to-face-Kommunikation aus (5.).

Dieses ständige Ergänzen der nicht übermittelten, aber erwarteten Inhalte findet auch bei der Nutzung von auf Schriftlichkeit basierenden Kommunikationsmedien statt: Stellt man sich beim Telefonieren vor, wie jemand aussieht, der eine bestimmte Stimme hat, so stellt man sich die Stimme und die Körperlichkeit von jemandem vor, mit dem man nur schriftlich kommuniziert. Das tut man natürlich auf Basis bestimmter Anhaltspunkte, die auf die individuellen Erfahrungen zurückgehen. Und manchmal, wenn das Geschlecht des/der anderen unbekannt ist, stellt man sich auch das vor, was einem erst auffällt, wenn sich irgendwann herausstellt, daß man sich geirrt hat.

Bei diesen Medien kann die institutionalisierte Kompensation (3.) beobachtet werden. Dort haben sich formale Regeln, wie etwa Begrüßungs-, Verabschiedungs- und andere Höflichkeitsformeln, abhängig vom Grad der Bekanntheit oder Vertrautheit, etabliert und es gelten stillschweigende Übereinkünfte z. B. über das weitgehende Weglassen von Ironie, da sie in uneindeutigen Fällen eine Quelle von Mißverständnissen sein kann.

Ein jüngerer Versuch, Regeln der Kompensation zu etablieren, stellt die in der www-Anfangszeit propagierten "Netiquette" dar, mit denen man Kommunikationspathologien der entgleisenden und manche Teilnehmer störenden Kommunikation Herr zu werden versuchte. Sie dürfen als gescheitert betrachtet werden, wohingegen sich der Gebrauch von Emoticons als offensichtliches Kompensationmittel erhalten hat.

Am Beispiel des E-Mail-Schreibens kann man auch einen Wandel von institutionalisierter Kompensation in Form von Regeln nachzeichnen: Die E-Mail, die ja eigentlich der Briefkommunikation entspricht und ursprünglich deren Kommunikationsnormen übernahm, hat aufgrund ihrer Schnelligkeit gegenüber jener sich im Empfinden der Nutzer der face-to-face-Kommunikation angenähert, was zur Aufweichung z. B. der Anfangs- und End-Formeln geführt hat. Denn wenn man sich im Minutentakt schreibt, schreiben kann, erscheinen sie unangebracht, denn durch die Schnelligkeit entsteht so etwas wie ein Gefühl der Anwesenheit zwischen nicht Anwesenden.

Das Internet nun stützt sich als Kommunikationsmedium immer noch überwiegend auf schriftliche Kommunikation, d. h. die Kommunikation besteht aus nichts weiter als Text. Mitteilungs- und Informationsübermittlungsintentionen auf der einen Seite und Verstehensinterpretationen und Rekonstruktionen der Intentionen von Ego durch Alter auf der anderen Seitesind der Kommunikation äußerlich. Doch das galt bisher auch für jede Schriftkommunikation.

Der Sonderfall der Internetkommunikation besteht nun darin daß sie zwar Schriftkommunikation ist, aber viele Elemente der face-to-face-Kommunikation besitzt (insbesondere ihre gegenüber der E-Mail noch einmal gesteigerte Schnelligkeit, z. B. in Chats). Sie ist somit ein Zwitter aus einer kulturell lange etablierten und praktizierten Kommunikationsweise und der Grundform der Kommunikation. Sie ist schriftliche Kommunikation mit Eigenschaften der mündlichen, der nichtsdestotroz deren Nebenkanäle fehlen. Dieser Zwittercharakter ist einer der Gründe dafür, daß sich bislang noch keine allgemein akzeptierten Kompensationsverfahren (3.) mit konfliktvermindernden Effekten etablieren konnten, denn in der praktischen Ausführung fühlt sich Internetkommunikation zu sehr nach face-to-face-Kommunikation an, für die jeder die Regeln ja zu beherrschen glaubt. Dadurch wird jedoch die imaginierende Ergänzung (1.) und das Ignorieren der Blockierungen (5.) noch wahrscheinlicher und in ihren Folgen viel stärker, woraus dann die bekannten Kommunikationspathologien entstehen.

Ein weiteres Spezifikum vieler internetgestützter Kommunikationsformen und Mitursache von Pathologien betrifft die ungeklärte Anwesenheit: Man weiß nicht, ob jemand anwesend ist, ob er (und wer) den Post in Social-media-Diensten liest, den Reply liest, ja überhaupt bemerkt und, seit der Manipulation der Timeline z. B. bei facebook noch ungewisser: ob er ihn überhaupt zu Gesicht bekommt. D. h. man kann nicht sehen, ob jemand liest, was man schreibt. Das weiß man höchstens hinterher, wenn eine Reaktion erfolgte. Eine erste zu beobachtende Anpassung ist die Gelassenheit, das Nicht-Übelnehmen oder nicht Erwarten der prompten Reaktion von jemand anderem. Wenn ich reply-e erwarte ich nicht zwingend eine Reaktion (wie ich es etwa bei einer E-Mail erwarte; da aber auch in Kontrast zu Briefen aufgrund der höheren Geschwindigkeit eben schneller als bei Briefen - was man daran sieht, daß man sauer ist, wenn jemand erst nach einer Woche reagiert, was bei Briefen nichts ungewöhnliches war). Ob jemand sofort oder erst 6 Stunden später auf einen @-Tweet zurücktwittert ist egal - wenn es nicht sogar egal ist, ob überhaupt. Diese Anpassung der Erwartungen ist einerseits eine Anpassung an das Fehlen von institutionalisierten Kompensationen (3.) und andererseits auch bereits eine Kompensation an das Fehlen einer durch Nebenkanäle vermittelten Information (nicht ganz 1.), nämlich über die Anwesenheit des oder eines Gegenübers.

Der Shitstorm als internettypische Kommunikationspathologie hat nun seine Ursache darin, daß der am Shitstorm Beteiligte alle anderen ebenfalls Beteiligten nicht sieht, wie er sie z. B. auf einer Demo oder im Fußballstadion sehen würde. Dort nämlich handelt er aufgrund des beschriebenen Rückkopplungseffekts anders als er es abgekoppelt von den Aktionen der anderen tut - was natürlich auch als negativ zu bewertende massenpsychologische Effekte haben kann. Wesentlich ist, daß er während des Kommunikationsaktes seinen Beitrag und das Gesamtresultat nicht abschätzen kann und sich die fehlende Information falsch hinzuimaginiert. Der am Shitstorm Beteiligte kann sich zwar abstrakt vorstellen, daß er von vielen zugleich gelesen wird und daß sich das Publikum und die Mit-Akteure durch Weitersagen bzw. Weiterposten inflationär vergrößern - und er kann dies durch die Nutzung einer entsprechenden Suchfunktion auch herausfinden -, doch er spürt es beim Kommunizieren nicht und kommuniziert darum auch nicht darauf eingestellt und darauf reagierend (so wie man anders kommuniziert, wenn man vor einer großen Menge Menschen spricht). Dem am Shitstorm Beteiligten fehlt also die Wahrnehmung des Shitstorms während er ihn miterzeugt.

Der Troll, die archetypische Kommunikationspathologie des Internets, trollt, weil er das Weghören, Weggucken, Ignorieren und Lachen der anderen nicht hören kann und so sich selbst und sein Tun falsch einschätzt. Auch er hat nur die beschränkte Kommunikation zur Verfügung, die ihn auf die falsche Fährte setzt. Doch mit ihr fühlt er sich wohl, denn auch er ergänzt fehlende Information, so wie er sie sich denkt und schützt sich damit (unabsichtlich) vor Irritation. Das ist etwas ganz anderes als Anonymität und es ist wichtig, hier zu unterscheiden. Unterscheidet man nicht, wird es z. B. schwer erklärbar, daß manche Menschen trollen, obwohl sie nicht anonym sind. (Das heißt natürlich nicht, daß Anonymität gar keinen Effekt hätte, doch sie wirkt höchstens verstärkend oder katalysierend.) Der Troll hat damit zugleich jeden und niemanden als Gegenüber. Im Akt des Kommunizierens redet er nur mit sich selbst, ergänzt jedoch das Gegenüber nach seinem Gusto und wird erst dadurch zum Troll. Das ist auch der Grund, warum eine rationale oder an die Vernunft und den Anstand des Trolls appellierende "Gegen"-Kommunikation auf gleichem Wege oft so wenig erfolgreich ist (was gern als "Füttern des Trolls" bezeichnet wird, das man doch am besten unterlassen solle). Denn der Troll hat längst die Bestätigung der Richtigkeit und Angemessenheit seines Verhaltens durch Ergänzung der Nebenkommunikation selbst vorgenommen und kann durch andere nur noch schwer irritiert werden.

Gleiches gilt für Phänomene wie Cybermobbing oder Hater. Auch sie werden durch die Blockierung der Nebeninformationen, durch ihre automatische Ergänzung und der gleichzeitigen Voraussetzung ihres Vorhandenseins befeuert.

Es geht bei all dem nicht um das Fehlen von Vertrauen oder Bekanntheit, das im Gegensatz zur Kommunikation zwischen Anwesenden hier nicht aufgebaut werden könne oder darum, daß vor dem Kommunizieren gar nicht klar ist, mit wem kommuniziert wird. Denn Vertrauen kann man auch zu Unbekannten aufbauen, mit denen man wiederholt kommunizert und die trotzdem Unbekannte bleiben. Beispielsweise habe ich durch wiederholte Kommunikation Vertrauen zu bzw. Erwartungen gegenüber mir ganz unbekannten Twitterfollowern aufgebaut, insbesondere in der Weise, daß ich einschätzen kann, ob jemand einen Scherz versteht, eine Anmerkung ironisch auffaßt, bzw. wie ich sie formulieren muß, damit er/sie das tut. Ich kann also Menschen einschätzen, weil ich wiederholt mit ihnen kommuniziert habe, obwohl sie mir - von diesen Aspekten abgesehen - immer noch unbekannt sind, mir die Menschen unbekannt sind.

Und natürlich geht es auch nicht um fehlende Sanktionen, denn es gibt ja Sanktionen, eben medienspezifische Sanktionen. Man darf sie nur nicht an face-to-face-Kommunikations- sanktionen messen. Wenn es nur das Hin- und Hertwittern gibt, dann ist das Geblocktwerden eine Sanktion. Sie rührt nur nicht am Ergänzungs-Vorgang (1.) und ist darum oft wirkungslos.

Kommunikationspathologien im Internet entstehen also nicht, weil auf einmal Menschen miteinander kommunizieren, die sonst nicht miteinander kommunizieren würden oder weil man vorher gar nicht weiß, mit wem man kommunizeren wird, d. h. wer auf die eigenen Kommunikationsangebote in Form von Posts, Beiträgen, Kommentaren etc. reagieren wird. Denn die Kommunikation mit Unbekannten ist keineswegs etwas neues, sondern fand immer schon statt, spätestens seit der Nutzung von Fern-Kommunikationsmedien wie Briefe, Telegramme und Telefon. Auch da gab es bzw. haben sich Regeln bzw. Umgangsformen entwickelt, die eben die Ursachen für Pathologien möglichst unwirksam machen sollen. Kommunikationspathologien im Internet entstehen, weil das Medium wichtige Nebenkommunikationskanäle blockiert und zugleich durch seine Schnelligkeit dem Nutzer suggeriert, er kommuniziere auf eine ihm vertraute Art und Weise, bei der diese vorhanden sind, er ihre Inhalte darum sebsttätig ergänzt und sich dementsprechend verhält.



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