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"Konstruktive Kritik"

(2015)


Man kennt die Forderung, man möge doch nur "konstruktive Kritik" äußern bzw. den Vorwurf, daß sie es nicht sei. Was auf den ersten Blick als ein Aufruf zu produktiver Zusammenarbeit erscheint, enthält tatsächlich mehrere Zumutungen:

Indem vom Kritisierenden gefordert oder erwartet wird, daß er nicht kritisiere, ohne zu sagen, wie denn das, was er kritisiert, verbessert werden kann, wird ihm die Berechtigung zu kritisieren nur unter dieser Bedingung zugesprochen (erste Zumutung). Eine Kritik ohne Verbesserungsvorschläge, also eine "nicht konstruktive" wird dann auch gern als "destruktiv" gescholten, wodurch nicht nur die moralische Bewertung der einen als gute und der anderen schlechte Weise der Kritik unterstellt wird (zweite Zumutung), sondern auch die Kritik ohne Verbesserungsvorschläge als nur zerstörende Kritik betrachtet wird (dritte Zumutung). Kritik vorzuwerfen, daß sie zerstöre ist jedoch absurd, denn was sollte Kritik anderes machen, als die Plausibilität, Folgerichtigkeit, Aussagekraft, Angemessenheit usw. anzuzweifeln und diese dadurch zu "zerstören"? Ihr dann auch noch vorzuwerfen, daß sie nicht zugleich auch das Zerstörte quasi wieder aufbaue ist noch absurder, denn das hieße ja ihr vorzuwerfen, daß sie die Arbeit von dem, dessen Aussagen kritisiert werden, nicht übernehme. Hierin ist die vierte Zumutung enthalten, nämlich daß ein Konsens darüber bestehe, daß sowohl das Kritisieren als auch das sich der Kritik stellen nur den Sinn und Zweck habe, das Gesagte oder Getane in irgendeiner Weise zu verbessern. So als ob alle diskursive Auseinandersetzung nur der Verbesserung des Gegenstandes der Auseinandersetzung diente und klar sei, in Hinblick auf was.

Kommt man Forderung nach konstruktiver Kritik nach, unterwirft man sich diesen vier Zumutungen.



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