Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Links in Texten

(2010)


Links in Online-Texten sind keineswegs die zeitgemäße Form herkömmlicher Verweise oder Fußnoten, sondern für den Autor des Textes nur eine bequeme Entlastung und für den Leser eine störende Belastung:

Den Autor entlasten sie von der Verpflichtung, einem Zusammenhang mit etwas anderem zuerst einmal selbst nachzugehen und herauszufinden, inwiefern dieses andere für den Text relevant ist und dann zu entscheiden, ob er es in ihn aufnehmen, nur darauf verweisen oder ganz unerwähnt zu lassen will. Stattdessen wird fröhlich aus dem Text heraus verlinkt und geglaubt, sich damit jener Verpflichtung entledigt und darüber hinaus dem Leser noch einen Dienst erwiesen zu haben, der jetzt - ohne Mühe und mit nur einem Mausklick - selber nachgucken und entscheiden kann, ob das Verlinkte für ihn wichtig ist, ob es seinen Interessen nach zum Thema gehört oder nicht. (So als ob es nicht mehr die Aufgabe eines Autors wäre, diese Entscheidungen selbst zu treffen und als ob man den Leser damit nur bevormunden würde.) Wenn nun aber diese Entscheidung nicht mehr im Vornherein getroffen wird, verwischt der Unterschied in der Relevanz zwischen Text und verlinktem Text immer weiter. Je mehr derartige Links enthalten sind, je mehr Verbindungen in das restliche Internet bestehen, desto mehr wird er auch in diese unermeßliche Masse hineingezogen und verliert seine eigene Relevanz gegenüber allen anderen, nun fast ebenso relevant, erwähnenswert und eben: verlinkenswert erscheinenden Texten.

Der Leser ist nun mit einem Text konfrontiert, in dem einzelne Worte in ihm als Links dienen und darum nur eine geringe Aussagekraft über den Grund des Verlinkens und über das Verlinkte haben. Ein Verweis in einem gedruckten Text enthält immer eine konkrete Aussage darüber, zu welchem Inhalt auf welchen Inhalt verwiesen wird. (z. B.: "Zur Korruption in fleischverarbeitenden Betrieben siehe auch die Untersuchung von Meier (2001, S. 42 f.) über die Bestechlichkeit von Frikadellenfabrikanten.") In Online-Texten werden nur in den seltensten Fällen ganze Abschnitte als Links markiert, sondern meist nur einzelne Worte oder Wortgruppen. Daraus läßt sich aber nur sehr eingeschränkt ersehen, zu was auf was verwiesen wird. Solange man nicht draufgeklickt hat, weiß man weder, warum auf etwas verlinkt wurde noch, auf was verlinkt wurde. Damit geht aber der eigentliche Sinn eines Verweises abhanden, denn man erhält im Gegensatz zu einem herkömmlichen Verweis bei einem Link vorab kaum noch Informationen, aufgrund der man sich entscheiden kann, ob es sich überhaupt lohnt, diesem nachzugehen, ob es einen wohl interessieren wird. Um das herauszufinden, muß man schon auf den Link klicken und das lesen, was verlinkt wurde. Es gibt dann nur noch wissen oder ignorieren, aber nicht mehr ein Entscheiden gegen (weiteres) Wissen. Somit hat der Verweis nicht mehr die Doppelfunktion der Informationsreduktion und der Freiheit, die beiseite gelassene, aber dennoch im Zusammenhang mit dem Hauptthema stehende Information zusätzlich zu rezipieren. Außerdem besteht durch die Möglichkeit, schon beim Lesen den Links nachzugehen, ständig die Gefahr, aus dem Text herausgerissen zu werden, sich von dem Thema und dem, was (und wie es) der Autor mitteilen wollte, ganz zu entfernen und sich in den endlosen Weiterver linkungen zu verlieren. Das kann weder im Sinne des Autors noch des Lesers sein.

Wer also etwas zu sagen hat und online etwas sagen und auch gehört werden will, der sollte Verlinkungen aus dem Text heraus so weit es geht vermeiden. Wer jedoch nichts zu sagen hat, faul ist und nur von Suchmaschinen gelesen werden will, der mache weiter so und spicke seine Texte mit vielen überflüssigen Links.



[zurück]