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Das Merkmal von Gedichten

(2017)


Was macht einen Text zu einem Gedicht?

Man könnte meinen, es wäre der poetische Stil, die sprachliche Prägnanz und Dichte oder der geschickte Einsatz von interpretationsoffenen Bildern, Mehrdeutigkeiten und Metaphern. Oder die besondere Ausdrucksweise einer emotionalen oder ästhetischen Empfindung (des Autors), die dann auch beim Leser hervorgerufen wird. Dies können Merkmale von Lyrik sein, sie sind aber nicht hinreichend, da sie sich auch bei Prosatexte finden.

Das notwendige Merkmal für eine Gedicht ist, daß es über eine Form verfügt, die eine zweite Bedeutungsebene erzeugt und auf ganz verschiedene Weise in Erscheinung treten kann. Natürlich denkt man zuerst an das Versmaß und die Reime als Merkmale traditioneller Lyrik. Hier erkennt man schon, was Form bedeutet, nämlich Struktur und Regelmäßigkeit. Sie kann sich aber auch – so z. B. in der konkreten Poesie – im Spiel mit Lauten, Flexionen, Lautmalereien, sprachlichem Rhythmus oder schlicht (mehr oder weniger exakten) Wiederholungen zeigen. Wichtig dabei ist, daß diese Form eine Notwendigkeit hat, sei es, daß sie die Aussage des Gedichts unterstützt, ihm eine eigene Aussage hinzufügt oder überhaupt erst erzeugt. Ist dies nicht der Fall, entstehen Pseudo-Gedichte: So macht das Übereinanderschreiben von Satzteilen allein noch keine Form in diesem Sinne aus, solange es keine Notwendigkeit für Zeilenumbrüche an den Stellen gibt, an denen sie gesetzt werden. (Eine Notwendigkeit für sie wäre z. B. das Erzeugen einer speziellen Rhythmik oder die Darstellung von Unterbrechungen, die im Zusammenspiel mit den Wörtern Bedeutungen hinzufügen, die ohne sie nicht dargestellt werden könnten.) In diesem Fall handelt sich nur um zerstückelte Prosatexte, die ein äußeres Merkmal von Gedichten bloß imitieren, was sie aber noch lange nicht zu einem Gedicht macht. Ähnlich geht es einer vermeintlichen konkreten Poesie, deren Worte allein ausgewählt wurden, um Laut- und Wortspielereien zu erzeugen; ihr fehlt dann die erste Bedeutungsebene der Wörter selbst – genau wie bei einer visuellen Poesie, die sich lediglich um grafische oder den Raum des Blattes gestaltende Effekte kümmert.

Kurz gesagt: Gedichte haben eine notwendige Form, sonst sind es keine.



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