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Das ist nicht witzig!

(2014)


Eine beliebte Entgegnung auf die Kritik, daß unangemessene Witze nicht witzig seien, ist die Behauptung, daß die Witzigkeit eines Witzes nur von der Witzstruktur und nicht von der Angemessenheit, etwas Bestimmtes zu bewitzeln, abhängt.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Natürlich ist ein "Das ist nicht witzig!" in diesem Zusammenhang in Wirklichkeit die moralisierende Aussage, daß es tabu sei oder sein müsse, über etwas Bestimmtes Witze zu reißen. Übersetzt hieße es also: "Darüber macht man keine Witze!" und es geht dabei überhaupt nicht um die Witzigkeit des Witzes, sondern es handelt sich um ein Tadeln falscher oder fehlender Moral.

Andererseits, wenn jemand einen z. B. rassistischen oder sexistischen Witz tatsächlich nicht witzig findet und nicht über ihn lacht, dann kann es auch daran liegen, daß seine moralischen Werte ganz automatisch und ohne rationale Was-gehört-sich-Überlegung es ihm/ihr unmöglich machen, den Witz witzig zu finden. (Ähnlich wie niemand über Witze über ihn gerade ereilt habende Schicksalsschläge lachen kann.) In diesem Fall ändert dann auch die beste Witzstruktur nichts.

Der Ausspruch "Das ist nicht witzig!" ist jedoch eine nicht hilfreiche doppelte Zumutung, da er nicht nur als spaßverderbende Konfrontation auftritt, indem er eine humorferne Moral ins Spiel bringt und die Berechtigung zum Witzigfinden ganz dem richtigen Moralempfinden unterordnet, sondern auch das Moralempfinden des anderen als falsch schilt. Das kann dann nur zu der trotzigen Reaktion der Behauptung einer objektiven Witzigkeit verleiten, die aber wiederum den Punkt nicht trifft.

Anstatt solche Vertreterdiskussionen zu führen, wäre es viel klüger, gleich über die rechte Moral zu diskutieren. Wer aber dennoch seine abweichenden Moralauffassungen wirkungsvoll kundtun will, sollte einfach deutlich genug nicht lachen und des weiteren schweigen.



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