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Öffentlich und privat im WWW

(2011)


Nicht erst seit der Ausbreitung des Web 2.0 gibt es die Klagen, daß sich die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem verschiebe, wenn nicht sogar der Unterschied immer mehr verschwimme. Nutzer sogenannter sozialer Plattformen machten dort Dinge aus ihrem privatem Leben öffentlich, denn das, was man früher nur Freunden, Verwandten und Bekannten mitgeteilt habe, sei nun für jeden einsehbar und das bringe auch Gefahren mit sich - man denke nur an das vielbemühte Bild vom Personalchef, der die Partybilder des Bewerbers entdecke und diesen daraufhin ablehne.

Es gehört zum Allgemeinwissen, daß der Mensch in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen auch unterschiedlich kommuniziert und es von der sozialen Rolle, die er dort gerade einnimmt, abhängt, wie er sich verhält und was er wem auf welche Weise mitteilt. Das gilt natürlich auch für die private und die öffentliche Sphäre, was auch immer sie in der je eiligen Gesellschaft nun umfaßt und was nicht. Und natürlich kann auch hier etwas durcheinander kommen und Privates öffentlich werden - jeder hat schon einmal peinliche Situationen erlebt, wenn versehentlich jemand von Dingen erfahren oder sie beobachtet hat, dienicht für seine Ohren und Augen bestimmt waren.

Die sozialen Plattformen ihrerseits geben dem Nutzer die Möglichkeit, den beschworenen Gefahren und der Vermischung von Öffentlichem und Privatem entgegenzuwirken, indem sie ihn selbst bestimmen lassen, wer was sehen, wer wo mit wem interagieren darf usw. Offensichtlich wird versucht, online eine Abbildung oder zumindest eine Entsprechung der verschiedenen Grade an Privatheit des realen sozialen Lebens zu schaffen. Ist dies erst einmal etabliert und sind die Nutzer dann auch in der Lage, diese künstlichen Abstufungen so selbstverständlich einzusetzen, wie sie es im wirklichen Leben ganz mühelos können, dann scheint jene Vermischung verhinderbar.

So kann man sich dann online seine eigenen Kommunikationsräume schaffen, z. B. einen, zu dem nur die eigene Familie Zugang hat, und einen anderen, zu dem nur die Fußballfreunde gehören. Handelt es sich also tatsächlich nur um ein Abbild der realen Lebens und nur um eine weitere, durch Technik geschaffene Kommunikationsweise, wie etwa das Telefonieren?*

Möglicherweise, aber das ist es nicht, was die sozialen Netzwerke so reizvoll macht. Auch wenn sie hauptsächlich dazu verwendet werden, mit den Menschen zu kommunizieren, mit denen man auch im realen Leben kommuniziert bzw. mit denen man es gerne tun würde, so geht es in erster Linie nicht darum. Der Reiz besteht vielmehr darin, mit Leuten zu kommunizieren, die man nicht aus dem realen Leben kennt; vielleicht die, die nur Leute kennen, die ich kenne und die mich kennenlernen wollen oder die ich kennenlernen will. Darum schottet man sich eben nicht radikal ab und unterteilt sein Kommunizieren nicht in distinkte Sphären. Wie im richtigen Leben will man eine gewisse Durchlässigkeit und Erweiterbarkeit dieser selbstgeschaffenen Kommunikationsräume haben - so wie man auf einer Party verschiedene Leute, die sich noch nicht untereinander kennen, miteinander bekannt macht und andere kennenlernen will.

Das heißt, man hat online immer eine eher größere als kleinere Anzahl an Lesern seiner eigenen Äußerungen, und vor allem: Man hat beim Posten niemals alle seine Leser einzeln vor Augen, so wie man sie vor Augen hat, wenn man auf der Party mit ein paar Leuten zusammensteht. Das bedeutet, dass man fast immer zu einem Publikum 'spricht', das als eine Einheit und nicht mehr als Vielheit von Individuen wahrgenommenen wird. Das Publikum wird zur Masse und darum befindet man sich in der Öffentlichkeit.

Somit ist Kommunizieren in sog. sozialen Netzen immer ein öffentliches und die Frage nach dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, ihre Vermischung, Nivellierung oder abnehmende Unterscheidbarkeit stellt sich erneut. Es bleibt abzuwarten, ob sich durch die vermehrte Praxis einer halböffentlichen Kommunikationsweise (z. B.: Kommuniziere so, daß es für niemandem mißverständlich wird und setze kein Kontextwissen voraus, das nicht von allen geteilt wird) auch die Kommunikationspraxis im nicht virtuellen (Offline-)Leben verändern wird. Denkbar ist, daß sich dann eine privat-öffentliche Kommunikationsweise einschleifen und dabei Formen der intimen Kommunikation zurückdrängen bzw. kolonialisieren wird. Ebenfalls denkbar ist, daß dies noch durch einen anderen Vorgang beschleunigt und verstärkt wird: Die Menschen gewöhnen sich immer mehr daran, daß auch ihre private (Offline-)Kommunikation öffentlich werden kann, sei es durch Überwachungstechniken von staatlicher oder privatwirtschaftlicher Seite, sei es durch die permanente gegenseitige Dokumentation durch Fotos und Filme, die dann gerne wiederum in sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. (Wobei noch hinzukommt, daß der so Dokumentierte keinen direkten Einfluß darauf hat, wer das dann sehen kann.)

Womöglich wird dann niemand mehr mit heruntergelassenen Hosen besoffen durch die Straßen torkeln. Das wäre eventuell zu begrüßen. Nicht zu begrüßen wäre die dies verhindernde innere Disziplinierung der Menschen.






* Mit dem Unterschied, daß Inhalt und die Festlegung, wer ihn wahrnehmen kann, auseinandertreten: Wenn man im 'wirklichen Leben' etwas zu seinem Arbeitskollegen flüstert, seinen Eltern vom Urlaub erzählt oder mit einem Saufkumpan ablästert, dann bestimmt man im Akt des Mitteilens zugleich, was man wie wem erzählt. Und zwar mit großer Leichtigkeit und ohne daß man erst darüber nachdenken, über den Inhalt nachdenken und ihm bewußt einen Grad der Privatheit oder eine selbst geschaffene Kommunikationssphäre zuordnen muß.



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