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Potentialität I

(2007)


Einer der vielen blöden Aussprüche, den ich mal von irgendwelchen Gutmenschen gehört habe, ist:

"Kinder sind das Wertvollste, was wir haben."

Ich frage mich: Warum? Warum wäre demnach ein Achtzigjähriger weniger wert? Abgesehen von der (glücklicherweise!) verzerrten Perspektive, die Eltern auf ihre eigenen Kinder haben, warum soll ein hilfsbedürftiger und noch nicht fertig entwickelter Mensch ohne nennenswerte Lebenserfahrung, der bisher wenig von dem geleistet hat, was man normalerweise als wertvoll bezeichnen würde, am "wertvollsten" sein?

Liegt es an der Vergötterung von Jungsein und Jugendlichkeit in den westlichen Gesellschaften, welche sich nur noch aus Jungen und "Junggebliebenen" zusammensetzten und in denen man mit hübschen Drittwelt-Kindern für Patenschaften wirbt, den alten, stinkenden und alkoholabhängigen Obdachlosen aber aus den Einkaufspassagen vertreibt?

Anscheinend nur zum Teil, denn was wirklich dahinter steckt, ist die prinzipielle Höherbewertung der Potentialität gegenüber dem Faktischen. Aus einem Kind kann noch alles werden und wir brennen darauf, aus ihm zu machen, was wir wollen und was wir selber sein wollen, aber nicht können.

Diese Sichtweise ist auch absoluten Abtreibungsgegnern zu eigen, die die Abtreibung eines kurz nach der Befruchtung vorhandenen Zellhaufens schon als Mord an einem Menschen betrachten und zwar nicht, weil er schon einer ist, sondern weil aus ihm erst einer werden kann. Kann.

Warum aber generell die Potentialität höher bewertet wird als die tatsächlichen Gegebenheiten (siehe auch diesen Text) ist mir noch ein Rätsel. Und ungeklärt bleibt bislang auch, ob dies eine genuin menschliche Verhaltensweise ist oder ob sie von der spezifischen Gesellschaftsform erst geprägt wird.



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