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Potentialität II

(2009)


Einen großartigen Beitrag zum Thema Potentialität stellt John Cages berühmtes Stück 4'33'' ("Four minutes, thirty-three seconds") dar, das aus drei Sätzen besteht, die alle jeweils nur die Anweisung "tacet" beinhalten. In der Aufführung sitzen dann, je nach Orchestrierung, viele oder nur einige Musiker viereinhalb Minuten da und spielen nicht.

Man könnte nun meinen, es sei egal, wer dieses Stück spielt, denn da es ja eigentlich aus nichts besteht, kann es auch immer nur auf dieselbe Weise (nicht) gespielt werden, egal von wem, denn Nichts und Nichts unterscheiden sich in nichts. Doch das ist ein Irrtum.

Denn dieses Stück besteht nicht nur aus nichts, aus Stille oder tacet und genaugenommen auch nicht nur aus dem Nicht-Erklingen von Musik, sondern es besteht eigentlich aus dem Nicht-Spielen - und zwar dem Nicht-Spielen zusammen mit einem Könnte. Die Musiker könnten spielen aber sie spielen nicht, sie sitzen nur da. Das ist viel mehr als nur Stille und darum ist es auch ein großer Unterschied, wer nicht spielt, obwohl er könnte:

Wenn zwei Musiker jeweils 4'33'' spielen, ist der Inhalt des Stückes, das Nicht-Spielen, zwar einerseits - in Hinblick auf das akustische Geschehen - in beiden Fällen gleich (es erklingt keine Musik), andererseits - in Hinblick auf die Potentialität - unterscheidet er sich jedoch. Das Nicht-Spielen des einen und das Nicht-Spielen des anderen mag zwar bezogen auf das, was wirklich erklingt oder nicht erklingt, identisch sein, es ist aber nicht identisch bezogen auf das, was hätte erklingen können. Wenn bei einer Aufführung von 4'33'' Orchestermusiker auf der Bühne sitzen und nicht spielen - Musiker, die 20 Jahre üben mußten, um dort sitzen zu dürfen - dann ist es etwas ganz anderes als wenn ein Pop-Künstler 4'33'' "covern" und ebenfalls viereinhalb Minuten lang keine Musik machen würde. Denn im Könnte, in der Potentialität, liegt der große Unterschied. Die eine Aufführung ist nicht gleich der anderen, auch wenn sie identisch ist. Das ist das Paradoxe und gleichzeitig das Wesentliche an 4'33''. Der Unterschied, den man nicht hören kann, weil er nur Potentialität ist, die Differenz, die im Werk nicht erkennbar, also eigentlich auch nicht vorhanden ist, die zugleich aber dennoch aufgrund des "sie könnten spielen" vorhanden ist, da die einen ganz anders spielen könnten als der andere. So wird das Nicht-Spielen des Orchesters zu einer viel elaborierteren (wenn nicht sogar höherwertigen) Aufführung als das Nicht-Spielen des Pop-Künstlers - auch wenn beides im Ergebnis gleich ist. Und darum ist es nicht egal, wer 4'33'' aufführt, denn die Potentialität ist ;eine ganz andere.

Eine Aufführung von 4'33'' ist eine Aufführung der Potentialität, des Könnte des Spielens, und genau das macht das Stück so großartig.



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