Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Sex ist reziprok

(2008/11)


Entgegen der landläufigen Auffassung ist die sexuelle Interaktion des Menschen nicht auf die Befriedigung des eigenen Verlangens oder auf die Steigerung der eigenen Lust, sondern auf die Lust des anderen ausgerichtet. Denn die eigene Lust entzündet sich nicht an dem anderen, sondern an der Lust des anderen; sie will die Lust des anderern entfachen und wird zugleich nur entfacht, wenn die des anderen entfacht wird. Dabei ist das genuin menschliche Interesse an der sexuellen Handlung, über die Wahrnehmung der Lust des anderen den anderen in seiner Individualität - also in seinem Menschsein - zu erfahren.

Darum verfehlt alles Reden von gutem oder schlechtem Sex den Sinn und ist belanglos, solange darunter nur der Grad der Erfüllung der eigenen Lust verstanden wird. Denn ginge es darum, wäre die sexuelle Interaktion nur ein Geben und Nehmen, ein Tausch, der um so besser ist, je mehr man für die Befriedigung des anderen an eigener Befriedigung vom anderen erhält.

Menschen, die dennoch auf diese Weise der gegenseitigen, stellvertretenden Selbstbefriedigung Sexualtiät praktizieren, sind voneinander entfremdet und erfahren zwar eine körperliche Befriedigung, jedoch keine menschliche und fühlen sich hinterher auf eine gewisse Weise immer noch unbefriedigt und leer, eben weil die Lust im menschlichen sexuellen Handeln nicht auf eigene Befriedigung hinstrebt, sondern weil sie die Lust des anderen erfahren will und über diesen Umweg erst zur eigenen Befriedigung kommt.

Kurz: Sex ist kein Tauschgeschäft, Sex ist reziprok.



"Mit Dir habe ich begriffen, dass die Lust nicht etwas ist, was man nimmt oder gibt. Es ist eine Weise, sich hinzugeben und die Hingabe des anderen herbeizurufen." (André Gorz: Brief an D.)



[zurück]