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Solidarität

(2007)


Vor einer Weile hatte ich mit mehreren Kollegen eine Kantinen-Mittagstisch-Diskussion über die Sozialversicherungsbeiträge, die man als Arbeitnehmer in Deutschland zahlen muß. Wie man sich denken kann, ging es u. a. darüber, daß die Abgaben bei uns ziemlich hoch sind und daß wir wegen der Verschiebung der Altersstruktur im Gegensatz zu früheren Generationen später höchstwahrscheinlich viel weniger Rente bekommen werden, als wir insgesamt an Beiträgen in die staatliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Ich argumentierte, daß das natürlich nicht sehr schön ist, aber nunmal der Preis sei, den man für die hinter dem sog. Generationenvertrag stehende Solidarität zahlen müsse. Daraufhin sagte ein (ansich gebildeter und hochintelligenter) Kollege allen Ernstes:

"Was ist denn daran solidarisch, wenn ich weniger 'rausbekomme, als ich eingezahlt habe?"

Unglaublich. Anscheinend hat der junge Mann Solidarität mit Eigennutz verwechselt, zwei Dinge, die entgegengesetzter kaum sein können. Oder glaubt er, Solidarität erschöpfe sich darin, daß man von einer Gemeinschaft Leistungen beziehe?

Dabei liegen die Dinge bekanntermaßen umgekehrt. Solidarität ist (in dem Fall der Sozialversicherungen) gerade, daß ich vielleicht mehr einzahle und weniger "herausbekomme" und meine (Groß-)Eltern vielleicht weniger eingezahlt und mehr "herausbekommen" haben. Solidarität ist nicht, daß sich diese Art der Zwangsversicherung für mich lohnt - Solidarität ist, daß sie sich für die Solidargemeinschaft lohnt. Solidarität heißt, eben nicht individual-ökonomisch zu handeln und die Zwangssolidarität der staatlichen Sozialversicherung existiert gerade deshalb, weil in uns allen eine mehr oder weniger stark ausgeprägte individual-ökonomische Handlungsmotivation besteht, die der Solidarität entgegensteht.

Egal wie man zu dem deutschen Sozialversicherungssystem steht, an dem es durchaus viel zu kritisieren und zu verbessern gäbe: daß die Idee der Solidarität bei hochgebildeten Leuten nicht etwa nur abgelehnt (das wär noch zu akzeptieren), sondern überhaupt nicht mehr verstanden wird und daß das Unverständnis sogar zu einer absurden Verwechslung mit Eigennutz führt, das ist mehr als alarmierend. Offensichtlich ist der Post-Mauerfall-Generation das kapitalistische Wettbewerbs- und Kampfprinzip schon so sehr ins Blut übergegangen,daß bewährte und notwendige Konzepte des sozialen Ausgleichs gar nicht mehr verstanden und nur noch als ungerechte Beraubung persönlich erbrachter Leistungen aufgefaßt werden können.


"Entre le faible et le fort c'est la liberté, qui opprime, et c'est la loi, qui libère."
(J.-J. Rousseau)



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