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Spinnerkunstkonsum

(2011)


Ein Phänomen ist immer wieder unter Kunstkonsumenten zu beobachten: Sie konsumieren ein Kunstwerk in irgendeiner Form und bleiben dabei seltsam distanziert und vor allem: Wortlos. Sie haben nicht nur nichts zu sagen zu dem was sie sehen, sondern denken auch, daß genau dies die normale und angemessene Weise des Kunstkonsumierens sei: Zum Kunstwerk nichts zu sagen zu haben.

Sie haben nichts zu sagen, weil sie nichts verstehen - gehen aber zugleich davon aus, daß es etwas zu verstehen geben müsse. Daraus folgern sie dann, daß ihnen die Kompetenz oder das Wissen fehle, Erklärungen, die zu einem Verstehen führen würden, zu finden - und erst recht, das Kunstwerk zu kritisieren oder es gar als belanglos zu erkennen (was hieße, daß es bei ihm gar nichts zu verstehen gäbe). Stattdessen suchen sie die vermeintliche Erklärungskompetenz anderer in Form von Begleittexten oder Führungen. Somit findet jedoch keine eigenständige Auseinandersetzung mit der konsumierten Kunst statt, womit auch die mögliche Erkenntnis, daß das Nichtverstehen an der Sinn- und Aussagelosigkeit des Kunstwerks liegen könnte, unmöglich wird.

Diese Haltung trägt dann ihren Teil zu dem Erfolg von Spinnern bei, die wirres und unanzweifelbar sinnfreies Zeug als Kunst inszenieren, da das Publikum ja gewohnt ist, nicht zu verstehen oder verstehen zu können, was Künstler machen. So liegt ihnen nichts ferner als zu erwarten, selbst einen Zugang zu einem Verstehen - also einer Interpretation - des Werkes zu finden und darum fällt es dann auch nicht auf, wenn jemand etwas macht, was mehr als schwer interpretierbar, nämlich überhaupt nicht zu verstehen oder willentlicher, sinnfreier Blödsinn ist. Denn etwas, was keinen Sinn hat, kann auch mit allen Informationen, die man über den Künstler oder die Entstehungsbedingungen des Werkes hat, in keiner Weise mehr interpretiert werden als in der, daß es nichts zu interpretieren gibt.

Da aber der derartige Kunstkonsument nicht zwischen nicht interpretieren können und nicht interpretierbar unterscheiden kann, wundert sich niemand mehr oder kritisiert die Kunst als Quatsch, und das sinnfreie Werk, die sinnfreie Aktion o. ä. geht als Kunst durch, bzw. wird durch die Bezeichnung als Kunst (aufgrund von Nichtverstehen) zur Kunst.



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