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Das ausgeschlossene und vorausgesetzte Tauschgeschäft

(2014)


Viele Menschen empfinden Unbehagen, wenn menschliches, und insbesondere zwischenmenschliches, Verhalten aus ökonomischer Perspektive erklärt wird. Das gilt vor allem dann, wenn es um ein Handeln geht, dessen Selbstverständnis darin besteht, eben nicht der Eigennutzmehrung zu dienen und nicht durch sie motiviert zu sein, sondern an einem anderen, moralisch höherbewerteten Zweck ausgerichtet zu sein. Denn ginge es nur um die Nutzenmaximierung der Handelnden, wäre der Sinn der Handlung aufgrund dieser Zweckverfehlung nicht mehr gegeben. Es gibt also Handlungskontexte, in denen es ein moralisches Gebot zu sein scheint, gerade nicht egoistisch, sondern altruistisch zu handeln.

Soweit, so gut. Interessant ist hierbei jedoch etwas anderes (worauf mich einst J. H. F. aufmerksam machte): Denn einerseits hat man als Handelnder den Anspruch an andere und sich, daß es in diesen Kontexten genau um das Gegenteil von Nutzenmaximierung geht und empfände deshalb ein solches Verhalten als Affront – z. B. wenn jemand erkennbar eine Liebesbeziehung oder Freundschaft als reines Tauschgeschäft betrachtet und/oder sich entsprechend verhält, indem er das eigenen Tun und das des anderen bzgl. der Kosten und Nutzen für ihn gegeneinander aufrechnet und die Beziehung nur dann als gut betrachtet, wenn sie in diesem Sinne ein "faires Geschäft" ist, also in der Summe den eigenen Nutzen mehrt. Wenn man spürt, daß der andere so denkt und handelt, stellt man das Ganze sogleich in Frage, bezeichnet die Beziehung womöglich sogar als "nicht echt" oder "kaputt" und wäre entrüstet, würde einem ein solches Verhalten von anderer Seite vorgeworfen werden.

Andererseits hat man trotz der Ablehnung dieser Fairneß-Logik ein feines Gefühl dafür, ob eine Beziehung in genau diesem Sinn eine faire ist. Denn in dem Moment, in dem der Verdacht ensteht, daß das Tauschgeschäft, das ja gar nicht vorhanden sein soll, zu einem unfairen wird, man also das Gefühl bekommt, benachteiligt zu sein, fängt man genau dadurch an, doch den gegenseitigen Nutzen gegeneinander aufzurechnen und diese "Unfairneß" dem anderen dann auch vorzuwerfen.

Es gibt also zwei Ansprüche, den nach Nicht-Aufrechnen und den nach Fairness, der jedoch ein Aufrechnen voraussetzt. Somit widerspricht die Grundlage des zweiten Anspruchs dem ersten Anspruch.

Es wäre nun kurzsichtig zu folgern, der erste Anspruch sei nur vorgeschoben, ein Schönwetter-Anspruch, der nur solange gilt, wie man ihn sich leisten kann – leisten in einem diesem Anspruch widersprechenden Sinne. Und es wäre genauso kurzsichtig aus dieser Widersprüchlichkeit zu schließen, daß auch solche explizit anti-ökonomischen Verhaltensweisen im Kern dennoch ökonomische, also pure Tauschgeschäfte, seien und die Moralität, die genau dies ausschließt, nur vorgeschoben sei.

Denn wer sagt, daß soziale Gebilde wie solche zwischenmenschlichen Beziehungen nur funktionieren, wenn ihre reziproken Handlungserwartungen widerspruchsfrei sind? Soziales Handeln ist oft widersprüchlich und paradox und wird dadurch in keiner Weise behindert.



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