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Im Totalkapitalismus

(2008)


Der Kapitalismus ist nicht nur global, sondern wird zunehmend auch total. Total in dem Sinne, daß das zu ihm gehörende und in ihm sinnvolle wirtschaftliche Denken und Handeln in immer mehr gesellschaftliche und persönliche Lebensbereiche des Menschen vordringt und diese nach und nach mit seiner eigenen Logik überformt. Am Ende dieser Entwicklung steht der Totalkapitalismus.


Im Totalkapitalismus sind die Patienten für den Arzt, die Hilfsbedürftigen für den Sozialarbeiter, die Bürger für die Behörde und die Gläubigen für die Kirchen nur noch 'Kunden' oder 'Klienten'. Wirtschaftliches Handeln wird als ein so großer Wert an sich betrachtet, daß ein Aufwertungseffekt eintritt, wenn für diese nicht-wirtschaftlichen Handlungsverhältnisse das Vokabular des Wirtschaftens verwendet wird. Genauso wie es die Prostituierten schon lange gemacht haben, indem sie ihre Freier 'Kunden' nannten und so wie Pornodarsteller ihren Sex vor der Kamera als 'Arbeit' und Mafiosi ihre Erpressereien als 'Geschäfte' bezeichnen.

Im Totalkapitalismus erhalten Schüler und Studenten die Dienstleistung einer an den momentanen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientierten Ausbildung (oder müssen sie kaufen) und haben kein Recht auf (und auch kein Interesse an) Bildung - welche ihnen aber nutzen würde, wenn der Markt sich ändert, was er ja immer tut.

Im Totalkapitalismus investiert man in seine Kinder.

Im Totalkapitalismus ist jeder sein eigener Manager, ein Unternehmer seines eigenen Selbst (Ich-AG). Dabei geht es nicht darum, daß die Leute im nicht-unternehmerischen Sinne selbständig sind (selbständige Menschen, Persönlichkeiten etc.), sondern darum, daß sie ihr Leben selbständig wie ein Unternehmen gestalten, d. h. ihr Leben und ihr Leben
  mit anderen als ein Behaupten auf einem Markt ansehen und dementsprechend rational handeln.

Im Totalkapitalismus ist Charme erfolgreiches Selbst-Marketing. Der Mensch will kein vielfältiges, komplexes, in sich widersprüchliches Individuum sein, sondern eine stringente Marke mit Wiedererkennungseffekt.

Im Totalkapitalismus muß der Mensch vergleichbar und nicht individuell - unvergleichlich - sein. Damit sich etwas auf dem Markt behaupten kann, muß es vergleichbar, bewertbar, messbar sein. Was nicht vergleichbar ist, wird nicht wahrgenommen und existiert nicht.

Im Totalkapitalismus wird nicht mehr danach gefragt, was vernünftig ist, sondern was rational, was zweckrational in Hinblick auf die Erfolgschanchen in dem entsprechenden Markt ist. Dadurch erodiert auch die Demokratie. Denn so wie jede Staatsform, die eine Antwort auf die Frage "wie wollen wir zusammen leben?" ist, liegt auch der Demokratie nicht eine Vorstellung von (Zweck-)Rationalität, sondern von Vernunft zugrunde. Denn es geht um das Zusammen, nicht um den Einzelnen: Bei Rationalität fragt man sich immer: Für wen ist das rational? Bei Vernunft jedoch nicht, sondern nur: Was ist vernünftig? Der Anfang des Übels ist immer, wenn dazwischen nicht unterschieden und individuell rationales Handeln als vernünftiges Handeln verkauft wird.

Im Totalkapitalismus gibt es keinen Umgang mit der Welt, kein Verhältnis zu den Dingen, sondern nur den Konsum von Dingen, Menschen, Erlebnissen, Genüssen, denn der durchkapitalisierte Mensch kann die Dinge nur noch als Konsumobjekte wahrnehmen. Er kann der Welt nur noch konsumierend begegnen. Und was nicht konsumierbar ist, wird konsumierbar gemacht, indem es willentlich oder unwillentlich zu einem solchen umdefiniert wird.

Im Totalkapitalismus wird es für die (Wirtschafts-)Wissenschaft zu einem Rätsel, daß die Menschen kooperieren, daß sie altruistisch sind und sie fragt, weswegen und wie Kooperation sinnvoll, also: nützlich sein kann. Als ob es darum ginge. Leben im Totalkapitalismus-Geist heißt: Daß einem diese Fragen als sinnvolle Fragen erscheinen. In Wirklichkeit kooperieren Menschen und sind altruistisch, weil es zu ihrem Wesen gehört, altruistisch zu sein, weil es menschlich ist, altruistisch zu sein. Sie sind altruistisch, weil sie Menschen sind und keine zum Wohle der Königin 'altruistisch' schuftenden Ameisen.

Im Totalkapitalismus wird Selbstbezogenheit, Egozentrik, Egoismus und Narzismus nicht mehr als psychische Störung, sondern als Normalzustand - und noch viel schlimmer: als ursprünglicher Naturzustand des Menschen, als ganz seinen Anlagen entsprechend, angesehen und so glaubt man, daß das Leben im und als Wettbewerb die sich daraus ergebende, natürliche soziale Lebensweise des Menschen darstelle. Wen wundert's: Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, daß man auf Kosten anderer profitieren kann, daß es von einem erwartet wird und vielleicht auch, daß einem gar nichts anderes übrig bleibt, dann kann man schnell auf die Idee kommen, daß dies eine Art ursprünglicher Naturzustand und daß das Wesen des Menschen dementsprechend sei: "Der Mensch ist von Natur aus faul", "Der Mensch denkt an sich zuerst" usw. Tatsächlich ist der Mensch nicht von Natur aus faul, sondern will von Natur aus entfremdete Arbeit vermeiden. Er will von Natur aus Sinnvolles tun und strebt von Natur aus danach herauszufinden, was sinnvoll sei.

Im Totalkapitalismus wird das praktische Leben als ausgeübter Konkurrenzkampf akzeptiert, wird Menschsein als Siegenwollen, Menschsein als Besiegenwollen betrachtet. Aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt: Menschsein heißt, den Kampf überwinden zu wollen und nicht, im Kampf siegen zu wollen. Der Sieger im Kampf bleibt ein seelisch zurückgebliebener Mensch, der mehr oder weniger offenbar an seiner Zurückgebliebenheit leidet.

Im Totalkapitalismus hat sich der Mensch sich selbst entfremdet, weil er es zuließ, daß sich die im Wirtschaftsleben erfolgreiche und sinnvolle Handlungsweise auf alle anderen Lebensbereiche ausgedehnt hat.

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"Die Kategorien des industriellen Systems sind Bilanz, Quantifizierung und Buchführung. Die Frage lautet immer: Was lohnt sich? Was bringt Profit? So zu fragen, ist im Bereich der industriellen Produktion notwendig. Doch das Prinzip der Buchführung, der Bilanz und des Profits wurde zugleich auf den Menschen übertragen und hat sich von der Wirtschaft auf das menschliche Leben überhaupt ausgedehnt. Der Mensch wird zu einem Unternehmen; sein Kapital ist sein Leben, und seine Aufgabe scheint zu sein, dieses Kapital möglichst gut zu investieren. Ist es gut investiert, dann hat er Erfolg. Investiert er sein Leben schlecht, dann ist er erfolglos. Auf diese Weise wird er selbst zu einem Ding, zu einer Sache. Wir können uns aber an der Erkenntnis nicht vorbeimogeln: Wenn der Mensch zur Sache wird, ist er tot, auch wenn er - physiologisch gesehen - noch lebt. Ist der Mensch aber seelisch tot, obwohl er physiologisch noch lebt, dann ist er dem Verfall anheimgegeben und wird gefährlich - gefährlich für sich und gefährlich für andere."
(Erich Fromm: Gesamtausgabe, Bd. 11, S. 276)



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