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Überwachung als genossene Behütung

(2014)


Manch einer wundert sich, daß die meisten Menschen gegenüber einer sich entwickelnden oder auch schon gegebenen allgegenwärtigen und umfassenden Überwachung kaum Bestürzung oder Aufregung zeigen. Neben einer übernommenen Gefährdungsparanoia, die die Überwachung verspricht zu beruhigen, läßt sich ein weiterer Grund dafür darin finden, daß sie gerade aufgrund ihrer vermuteten bzw. angestrebten Totalität ein Gefühl des Aufgehobenseins und Behütetseins erzeugt.

In dieser Wirkung ist der Überwachungsapparat vergleichbar mit dem allwissenen und alles sehenden Gott, denn sie teilen ihre wesentlichen Eigenschaften:

- Gott und der für die Überwachung verantwortliche Staat wird grundsätzlich als gute bzw. rechtschaffene (rechtsstaatliche) Macht angesehen, von der keine schädlichen Handlungen zu erwarten sind.
- So wie Gott unbestimmbar, unwahrnehmbar, also nicht beobachtbar ist, ist es auch der Überwachungsapparat.
- Es ist nicht eindeutig erkennbar, was Gott und was die Überwacher alles sehen können und was nicht. Dennoch wird das Versprechen gegeben bzw. die Absicht erklärt, alles zu sehen.

So wie im Fall des gläubigen Menschen aus diesen Eigenschaften keine Bedrohung erwächst, sondern eher einem kindliches Bedürfnis nach beruhigender Geborgenheit entsprochen wird, so empfindet sich auch der überwachte Bürger als beruhigt anstatt besorgt, geborgen anstatt ausgespäht und behütet anstatt bedroht.



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