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Doppelte Überwachungs-Paranoia

(2013)


Es sollte mittlerweile auch dem arglosesten Bürger klar sein, daß der Überwachungsstaat das kommende Staatsmodell ist. Doch werden die Menschen dagegen opponieren oder sich zumindest davon bedrängt fühlen? Ich meine nein.

Prophylaktische Überwachung, die sich in Rechtsstaaten gefordert sieht, sich rational zu rechtfertigen, kann nur in Paranoia gründen, auf der sie dann auch ihre Rechtfertigung aufbaut. Dabei spielt die Absurdität der Paranoia und ihrer Rechtfertigungserzählung - die ja gerade den Eindruck von Rationalität erzeugen und den der Paranoia vermeiden wollen - keine Rolle, da sie irrationale Ängste aufbaut und sich zunutze macht.

Blickt man in die Geschichte, so sieht man, daß ein Großteil der Bevökerung auch absurdeste Bedrohungs-Paranoia durchaus als "vernünftig" akzeptierte, sofern sie von Staatsseite propagiert wurden (z. B. die angebliche Bedrohung von "Kommunisten" oder "Juden"). Probleme bekommen diese Rechtfertigungen nur, wenn die Ängste, auf denen sie gründen,nicht mehr ausreichend vorhanden sind oder aufrechterhalten werden können (wie es zur Zeit für den Terrorismus gilt). Dann wird auf andere, die Überwachung rechtfertigende Bedrohungen gewechselt, so wie demnächst und teils schon jetzt der Kindesmißbrauch dafür herhalten muß.

Auf der einen Seite gibt es also die Staatsparanoia, die nichts so sehr fürchtet, als irgendwo etwas Ungesetzliches nicht zu sehen, im Vorfeld nicht zu erfassen oder zumindest nicht zu verhindern, und genährt ist von dem Irrglauben, es wäre eine vordringliche Aufgabe des Staates, schlimme Ereignisse, die nicht voraussehbar sind, vorauszusehen. (Dabei ist das Bestreben, möglichst jeden "sicherheitshalber" zu überwachen, zugleich das Eingeständnis, daß man überhaupt nicht weiß, wer gefährlich sein könnte und wer nicht.)

Auf der anderen Seite befällt die Bevölkerung die Paranoia, daß die Staatsüberwachung etwas nicht sehen könnte, etwas übersehen könnte. Sie haben das aufgebaute Bedrohungsszenario dermaßen verinnerlicht, daß es ihnen gefährlich erscheint, etwas oder jemand könne nicht überwacht werden, so wie sie selbst überwacht werden (woraus sich dann das Denunziantentum speist). Diese Haltung führt schließlich dazu, daß die Bevölkerung überwacht werden will.

Ihre Paranoia ist ähnlich wie die Staatsparanoia von der Unsicherheit bestimmt, daß sie nicht wissen, wer denn nun "der Böse", wer und wo der Keim des Übels sei. So fürchten sie aber nicht nur das Böse, sondern fordern im Vertrauen auf die Gutartigkeit des staatlichen Überwachungsapparats (denn wer das Böse bekämpft, muß ja zu den Guten gehören) ebenfalls, daß ein jeder überwacht werde, denn er könnte sich ja irgendwann als Böser entpuppen.

Was sie anderen unterstellen, lassen sie jedoch nicht für sich selbst gelten. Die Bösen sind immer nur die anderen. Diese naive Überzeugung drückt sich dann in den bekannten Äußerungen wie "ich hab nichts zu verbergen" aus, die man ergänzen kann mit: "... denn ich gehöre ja zu den Guten." Und die Forderung, auch selbst überwacht zu werden, gilt ihnen dann als Chance zu zeigen, daß sie zu den guten Menschen gehören.

Sie gehen also davon aus, daß sie selbst niemals zu den Bösen gehören werden, da sie ja nichts Böses im Schilde führen. Das ist natürlich nicht nur darum ein Fehlschluß, weil auch Handeln in bester Absicht zu schlimmen Konsequenzen führen kann (was für ein jedes Handeln gilt - "the road to hell is paved with good intentions"), sondern auch weil ein jeder potentiell zu einem Bösen werden kann, genauso wie er potentiell zu einem Gandhi werden kann. Diese drohende Erkenntnis wird dann mittels der Überzeugung "Ich bin gut, die anderen sind böse" verdrängt (wobei sie damit ja genau der Überwachungsrechtfertigung von Staatsseite widerspricht).

Wer sich bereitwillig überwachen läßt, beweist seine gute Gesinnung und wer sich gegen die Überwachung wehrt, macht sich darum nicht nur verdächtig, sondern wird auch soziale Ausgrenzung erfahren, eben weil er sich durch den Entzug dieses vermeintlichen Gesinnungstests zu einem als Böser, oder zumindest: nicht Guter gekennzeichneten macht. Wer sich nicht überwachen läßt, hat etwas zu verbergen.

Somit wird zukünftig die Bevölkerung nicht mehr entsetzt fragen: "Warum werde ich überwacht?", sondern: "Warum werde ich nicht überwacht?"



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