Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Wissen, Nichtwissen und Verschweigen

(2014)


Man kann wissen oder nicht wissen, daß man etwas nicht weiß. Weiß man nicht, daß man etwas nicht weiß, schert es einen wenig, denn daß man etwas nicht weiß, kann dann nur ein anderer wissen, der weiß, daß es etwas gibt, was man selbst nicht weiß, aber wissen könnte. Das heißt, die Erkenntnis des Nichtwissens hat man in diesem Fall gar nicht.

Weiß man aber, daß man etwas nicht weiß, dann weiß man, daß es etwas gibt, das man wissen könnte. Das muß aber nicht heißen, daß man weiß, was man nicht weiß, denn dann wüßte man es ja schon. Man weiß nur – woher und warum auch immer –, daß etwas existiert, das man wissen könnte, das man aber nicht weiß.

Immer jedoch weiß man um die Möglichkeit, daß es etwas geben könnte, das man wissen könnte, aber nicht weiß. Dieses Wissen ist die Grundlage einer Paranoia, der z. B. die Geheimdienste seit einem Jahrzehnt erlegen sind: Die Befürchtung, daß etwas existiert, das man wissen könnte, doch man weiß nicht, ob es existiert. Getrieben von der Erkenntnis ihres Unwissens darüber, ob es etwas Wichtiges oder Relevantes gibt, das sie wissen könnten, tun sie alles dafür, alle Dinge zu wissen, die sie wissen können. Dennoch gibt es nichts, das ihnen diese paranoische Angst nehmen könnte, denn die Menge der Möglichkeiten, etwas nicht zu wissen, was man aber wissen könnte, ist unendlich groß. (Darüber hinaus sind sie von der Erkenntnis ihres Unwissens getrieben, ob das, was sie schon wissen – und auch das, was sie nicht wissen-, für sie überhaupt relevant ist oder irgendwann einmal relevant sein wird.) Mann kennt diese, von der Logik her nicht zu bestreitende Nichtwissen-Paranoia auch von der berühmt-berüchtigte Ausführung Donald Rumsfelds über die "unknown unknowns".

Zielt die Frage des Wissens auf das Wissen anderer, kommt die Dimension des Verschweigens hinzu. Entsprechend kann man zwei Grade des Verschweigens annehmen: Der erste wäre, daß etwas verschwiegen wird; der zweite, daß verschwiegen wird, daß etwas verschwiegen wird. Gibt es etwas, das der andere weiß, aber verschweigt? Also etwas, was ich wissen könnte (ich könnte es wissen, weil es der andere weiß) und das ich nicht weiß, weil der andere es verschweigt? Oder weiß ich nicht, daß ich etwas wissen könnte, das ich nicht weiß, weil es der andere verschweigt; weiß ich also nicht, daß er etwas verschweigt?

Die Erkenntnis über die Möglichkeit des Nichtwissen wird dann zum Mißtrauen. Bezieht sich das Mißtrauen jedoch nicht nur auf das Verschweigen ersten Grades, sondern auch auf das Verschweigen zweiten Grades, so wird es zum paranoischen Mißtrauen. Die Entstehung des Mißtrauens von Person A gegenüber dem Verschweigen ersten Grades von Person B ist durch das Verschweigen zweiten Grades durch Person B verhinderbar. Das paranoische Mißtrauen von Person A gegenüber dem Verschweigen zweiten Grades von Person B ist jedoch weder zu verhindern noch durch irgendetwas aus der Welt zu räumen, noch nicht einmal durch konsequentes Nicht-Verschweigen.

Spaßeshalber denke man einmal diese Nichtwissen- bzw. Mißtrauensformen an dem Beispiel der verschiedenen Möglichkeiten der Abmachungen in sogenannten offenen bzw. nicht offenen Beziehungen durch:

1. Wir erlauben uns gegenseitig fremdzugehen und erzählen uns, wenn es passiert, weil das ehrlich ist und dann niemand hintergangen wird.

2. Wir erlauben uns gegenseitig fremdzugehen, aber erzählen uns nicht, wenn es passiert, damit keine Eifersucht entsteht.

3. Wir erlauben uns gegenseitig nicht, fremdzugehen, aber erzählen es uns, wenn es passiert, weil das ehrlich ist und dann niemand belogen wird.

4. Wir erlauben uns gegenseitig nicht, fremdzugehen und erzählen uns nicht, wenn es passiert, damit die Beziehung nicht kaputt geht.

Was sind jeweils die Konsequenzen, wenn der eine nicht erzählt, daß er fremdgegangen ist, der andere dann aber über sein eigenes Nichtwissen nachdenkt?



[zurück]