Latent.de       Start | Bilder | Musik | Worte | Lyrik | Kunst | Wissenschaft | Tand | Kommentar




Yoko Onos instructions als weitester Entwicklungspunkt der Gegenwartskunst

(2015)


Wenn man in der Entwicklung der modernen bzw. Gegenwartskunst eine übergreifende Bewegung oder Tendenz ausmachen kann, dann die, daß sich das Kunstwerk von einem für sich stehenden Gegenstand, der der ästhetischen Erfahrung des Betrachters zugänglich, aber von ihr ganz unabhängig ist, zu einem entwickelt hat, der sie mit einbezieht, auf sie angewiesen ist oder sich sogar erst durch sie ganz verwirklicht. Der (ästhetische) Gehalt eines Kunstwerks fußt dann nicht mehr nur auf den Eigenschaften des Werks, sondern gründet sich auch auf dem Erfahren und Interpretieren – mitunter auch Tun – dessen, der es wahrnimmt oder sich mit ihm auseinandersetzt.

Diese Deutung des Wesens moderner Kunst ist insbesondere unter Umberto Ecos Begriff vom "offenen Kunstwerk" bekannt geworden: Die Kunstwerke seien nicht nur in ihrer Bedeutung, ihrem Sinn unfestgelegt und offen, sondern als "Werke in Bewegung" auch in ihrem Produktionsprozeß, da sie sich erst durch die Interpretation vervollständigen. Die moderne Kunst ist somit schon ihrer Form nach auf die Aktivität des Rezipienten hin angelegt, sei dies nun dessen Interpretation oder sogar aktive Handlungen, so daß sich eine Arbeit erst dann überhaupt als Kunstwerk realisiert. Der Produktionsprozeß des Kunstwerks weitet sich somit über das Tun des Künstlers hinaus aus.

Begreift man diese Tendenz als eine Entwicklungslinie von dem ganz für sich stehenden Kunstwerk hin zum ohne Betrachter gar nicht existenten Kunstwerk (die nicht zwingend mit dem kunstgeschichtlichen Zeitverlauf gleichzusetzen ist), dann wäre ihr am weitesten fortgeschrittener Punkt durch eine Variante der Konzeptkunst bestimmt, die ich insbesonders in einigen der instructions von Yoko Ono verwirklicht sehe.

So vielfältig die Werke der Konzeptkunst sind, so vielfältig sind die Ansichten darüber, was sie denn sei. Ein gemeinsamer Grundgedanke ist jedoch, daß das Entscheidende an jeglicher Kunst ja ohnehin die Idee oder das Konzept sei und die Realisierung nur der materielle Ausdruck, das Zur-Erscheinung-bringen dieser Idee. Reduziert sich die Kunst als Konsequenz dieser Einsicht dann auf das Konzept und wird mit ihm identisch, wird sie zur reinsten Kunst(form) überhaupt. Konzeptkunst als eine Art dematerialisierter Kunst, die an die Stelle der sinnlichen Erfahrung das Denken oder die Vorstellung stellt, besteht dann (überwiegend) in der Präsentation der Idee des Kunstwerks – was oft durch Sprache geschieht.

Führt man nun diesen Ansatz der Konzeptkunst mit dem eben beschriebenen Verständnis moderner Kunst zusammen, so ergibt sich automatisch die Frage nach der Art und Weise der Verwirklichung des Konzeptes, und als Nebenfrage die danach, ob schon das wie auch immer präsentierte oder nur das verwirklichte Konzept das eigentliche Kunstwerk darstellt. Es geht also um das Verhältnis zwischen Konzept und Verwirklichung (durch den Interpreten oder den Künstler selbst).

Ich möchte den Konzeptkunstbegriff einengen und annehmen, daß erst die Ausführung des Konzeptes das eigentliche Kunstwerk darstellt und zugleich – zugegebenermaßen etwas künstlich, jedoch notwendig – zwischen der Konzeptkunst-Arbeit und dem Konzeptkunst-Kunstwerk unterscheiden. Zugleich möchte ich den Begriff der Ausführung über materielle Verwirklichungen und Handlungen (Performances) hinaus erweitern.

In diesem Sinne lassen sich drei Stufen der Konzeptkunst ausmachen:

1. Die Konzeptkunst besteht in dem Konzept eines Kunstwerkes, das realisierbar ist.
2. Die Konzeptkunst besteht in dem Konzept eines Kunstwerkes, das theoretisch realisierbar ist, das aber aufgrund von realen Hindernissen (materiellen, gesellschaftlichen oder anderen Gegebenheiten) wahrscheinlich niemals realisiert werden wird.
3. Die Konzeptkunst besteht in dem Konzept eines Kunstwerkes, das in der materiellen Welt nicht realisierbar ist.

Diesen drei Stufen gemeinsam ist, daß bei der Rezeption des Konzeptes eine Vorstellung von seiner Verwirklichung entsteht. Bei den ersten beiden ist sie die Voraussetzung für die (mögliche) Verwirklichung, bei der dritten nicht. Erweitert man nun den Begriff der Verwirklichung, so läßt sich sagen, daß das Konzept seine Verwirklichung auch schon in der Vorstellung von seiner Verwirklichung erfährt – eben als Vorstellung. Denn wenn wie bei der dritten Stufe das Konzept in der materiellen Welt nicht verwirklichbar ist, so bleibt diese gedankliche Verwirklichung dennoch als eine Form der Verwirklichung – denn sie ist eine Ausführung der Idee – bestehen. Sie wird zur einzigen Möglichkeit der Verwirklichung des Kunstwerks und auf diese Weise realisiert sich dann das Kunstwerk in der Vorstellung.

Yoko Onos instructions, die meist nur aus einem Titel, einer kurzen Handlungsanweisung und einer Jahres- und Jahreszeitangabe bestehen, lassen sich (neben anderen Arbeiten von ihr) jeweils diesen drei Stufen der Konzeptkunst zuordnen.

Drei Beispiele für die drei Stufen (alle entnommen aus "grapefruit"):



PAINTING TO EXIST ONLY WHEN IT'S
COPIED OR PHOTOGRAPHED

Let People copy or photograph your paintings.
Destroy the originals.

1964 spring





LAUGH PIECE

Keep laughing a week.

1961 winter





CLOCK PIECE

Make all the clocks in the world fast by
two seconds without letting anyone know
about it.

1963 autumn




Der springende Punkt bei der dritten Stufe ist nun, daß die jeweils zugrundeliegende Idee diese Form der Konzeptkunst zwingend notwendig macht. Es geht nicht mehr nur darum, daß sie für das zu erschaffene Kunstwerk die ideale Kunstform darstellt, sondern sie ist die einzig mögliche Form, da das Kunstwerk eben nur mittels ihr und nur in der Vorstellung des Rezipienten der Arbeit überhaupt entstehen kann. (Das Paradebeispiel, an dem das besonders deutlich wird, ist keine eigentliche instruction, sondern die berühmte Zeichnung, die aus einer geraden Linie besteht, unter der geschrieben steht: "This line is part of a very large circle" (1966). Ein unendlich großer Kreis kann zweifellos nur in der Vorstellung erschaffen werden.) Das heißt, diese Kunstform ist eine notwendige Folge der Idee von einem derartigen Kunstwerk. Und weil sie sich ausschließlich in der Vorstellung des Rezipienten zum Kunstwerk verwirklichen kann und vollkommen auf ihn angewiesen ist, ist die Konzeptkunst der dritten Stufe der weiteste, wenn nicht sogar Endpunkt der oben beschriebenen Entwicklungslinie moderner bzw. Gegenwartskunst.



[zurück]