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Die Kunst des Zotenreißens

(2008)


Die optimale Zote spricht ihren schlüpfrigen Inhalt genau bis dicht an die spezifische Grenze zwischen akzeptierter und nicht mehr akzeptierter Unanständigkeit heran aus, die in der Umgebung, in der die Zote gerissen wird, gilt. Ihre Witzigkeit ergibt sich dann daraus, daß der Hörer das Angedeutete (typischerweise das eindeutig Mehrdeutige) unwillkürlich im Geiste selber zuende führt und vervollständigt - wie er es bei den meisten anderen Witzen ja auch tun muß - und dabei jedoch diese Grenze überschreitet. Damit ist nicht der Zotenreißer, sondern ein jeder Zuhörer "das Ferkel", nämlich der, der die Gren-ze überschritten hat. Und dieses Unausgesprochene und nur Gedachte ist dann sowohl ein Geheimes/Intimes, weil nur in den eigenen Gedanken existierend, als auch ein nicht Geheimes/Intimes, weil ein jeder weiß, daß die anderen sich genau das Gleiche gedacht haben. Damit bekommt die Zote im Spannungsfeld von Intimität und gleichzeitiger Öffentlichkeit erst ihre pikante Note, die sie von allen anderen Witzen unterscheidet.

Gutes Zotenreißen setzt also vor allem das Talent voraus, die Lage dieser Grenze, die in verschiedenen Situationen und in verschiedener Gesellschaft sehr unterschiedlich plaziert sein kann, sicher einzuschätzen und die Zote genau so zu formulieren, daß besagter Effekt eintreten kann.



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